Von Richard Schröder

Jeder hat so seine Reiseträume. Meine sind sozusagen berufsbedingt Sokrates und Jesus, Griechenland und Israel. Nun also war ich in Israel. Gewiß, Denken und Glauben entzünden sich am Wort und nicht an steinernen Relikten. Die abendländische Sehnsucht nach dem Heiligen Grab berührt uns heute peinlich angesichts der trotzigen Kreuzfahrerburgen. Wenn ein eingefleischter Protestant sieht, wie die Pilger, zumeist Pilgerinnen, jene Marmorplatte küssen, die Jesu Grab markieren soll, dann fällt ihm wohl das "sancta simplicitas!" des Jan Hus ein, als ein Mütterchen als "gutes Werk" noch ein Hölzchen auf seinen Scheiterhaufen legte.

Da gefällt mir schon das andere Grab Jesu (es werden zwei gezeigt; wir haben ja auch vier Evangelien), das Gartengrab, besser, an dessen Tür steht: "Er ist nicht hier, er ist auferstanden." Meine Tochter war empört, daß am Sinai der "brennende Dornbusch" gezeigt wird, nach 3000 Jahren munter grünend. Und trotzdem. Wie in der Grabeskirche jeder Winkel einer anderen christlichen Konfession gehört, wie sie also, die sich voneinander getrennt haben, hier – nicht ohne kleinliches Gerangel – zusammenkommen müssen, weil sie sich doch alle auf denselben Ursprung beziehen; wie hier drei Religionen auf engstem Räume ihre heiligen Stätten haben und also sich arrangieren müssen, das sind heilsame Imperative.

Geschichte als Gegenwart, auch die deutsche. Deutsche und slawische Namen in hebräischen Lettern über israelischen Geschäften. Die Atmosphäre des osteuropäischen Schtetl gibt es nur noch in Jerusalem. Unübersehbar, wie der Holocaust und der Nahostkonflikt zusammenhängen. Auf dem Teil Jerichos wollte der israelische Führer einer westdeutschen Pilgergruppe zum Abschluß seine Sicht des Palästinenserproblems darlegen, zugegeben hoch engagiert, erregt. Auf den deutschen Gesichtern Abwehr: "Wir sind auf einer Pilgerfahrt." Doch da kam noch mehr zum Vorschein, halb sogar ausgesprochen: Die Israelis sind die Täter, die Palästinenser die Opfer, und hier will sich ein Täter reinwaschen.

Seit die Israelis das Westjordanland besetzt haben, soll die Zahl der Selbstmorde unter den Soldaten zugenommen haben. Sie verkraften die Tragik ihrer Rolle nicht, zugleich Verteidiger und Besatzer zu sein. Meine Landsleute West aber haben von dieser Tragik offenbar nichts gesehen. Warum nicht? Vielleicht urteilen sie so: Wer Uniform trägt und martialisch aussieht, ist jedenfalls im Unrecht. Im Naturpark von En Gedi sahen wir eine Schulklasse beim Ausflug, begleitet von zwei Erwachsenen in Zivil mit Gewehr. In Jerusalem sahen wir ein parkendes Auto brennen, offenbar angezündet, weil es eine israelische Nummer trug.

Ich möchte hier gar nicht einseitig Partei ergreifen, aber doch einer einseitigen Parteinahme widersprechen. In Israel, hatte ich gedacht, begegnet mir Weltgeschichte. Da bekomme ich Abstand von den belastenden DDR-Geschichten. Wir haben oft in Kibbuz-Hotels übernachtet. Auf einem Hotelprospekt las ich: "Wir leben in unserem Kibbuz nach dem Grundsatz: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.‘" Sieh an, Marx auch hier, das berühmte Prinzip des Kommunismus aus der "Kritik des Gothaer Programms", und schon sind wir wieder im Stoff.

Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Denn hier liest sich der Satz ein bißchen anders als bei Chruschtschow, der 1961 in einem "Kommunistischen Manifest der gegenwärtigen Epoche" verkündete, in zwanzig Jahren (1981) werde in der Sowjetunion das Bedürfnisprinzip so verwirklicht: "Vollständige Befriedigung der wachsenden materiellen Bedürfnisse der Menschen. Der Kommunismus ist ein Pokal des Überflusses; er muß stets bis zum Rand gefüllt sein. Der Traum ‚100 Jahre zu leben, ohne zu altern‘ wird Wirklichkeit."