Ich blinke nach links und fahre nach rechts“, antwortet der israelische Panzerrekrut auf die Frage, was er täte, wenn er plötzlich von Tieffliegern angegriffen würde. Die verzweifelte Schlitzohrigkeit des jüdischen Witzes ist auch im Rheinland zu Hause, zumal in Bonn und da besonders bei den Stadtvätern. Freilich hat sie auch einen ganz ungenierten Zug.

Wie so viele Städte muß auch Bonn am Etat kürzen, und wie üblich trifft es nicht zuletzt die Kultur. Dort muß drastisch gespart werden, weil der Stadtrat, und das ist nun allerdings sehr ungewöhnlich, beschlossen hat, die öffentlichen Tariferhöhungen für die Kulturbediensteten im Etat nicht voll auszugleichen und auch sonst einiges zu streichen. Die Folge: Weniger Schauspiel, weniger Oper, weniger Konzerte. Und vielleicht noch schlimmer: Der Schauspielchef, der Opernintendant und der Generalmusikdirektor sehen sich düpiert, weil ihnen die Stadt ganz andere Bedingungen zugesagt hatte. Wann sie gehen werden, ist nur noch eine Frage der Zeit.

Das passiert in einem Augenblick, in dem in Bonn immer wieder die Vision von einer Stadt der Kunst und Wissenschaft beschworen wird, als Ersatz für den Abzug der Politik nach Berlin. Nach einem großen Wort des Oberstadtdirektors gibt es gute Chancen, „in neuen Profilbereichen einen dynamischen Prozeß in Gang zu setzen“. Doch nun entwickelt sich die Dynamik erst einmal nach hinten. Der Bund, der die Stadt erheblich subventioniert, hat denn auch schon die Augenbrauen hochgezogen. Nach links blinken und nach rechts fahren: So viel unverfrorene Chuzpe hat schon fast etwas Imponierendes.

Degradiert die Stadt ihre eigenen Visionen zum Geschwätz, so schütten auch andere Wasser in den Wein. Zu den „neuen Profilbereichen“ gehört die Hoffnung, internationale Einrichtungen nach Bonn holen zu können. Aber schon der erste Anlauf ist entmutigend. „Wir passen hier nicht rein“, hat William Draper, der Chefadministrator des Entwicklungshilfefonds der Vereinten Nationen, gesagt, als er letzte Woche in Bonn mögliche neue Quartiere besichtigte. Daß er mit seinen 2000 Mitarbeitern lieber in New York bleiben möchte, wer könnte es ihm verdenken? Die Bonner Lokalität, die ihm angeboten werden soll, ist noch gar nicht vorhanden. Die Erweiterungsbauten zu Füßen des Langen Eugen, des Abgeordnetenhochhauses, müssen erst entstehen. Was Wunder, daß der Herr Chefadministrator am Ende nur mit den Achseln zuckte. Aus der Umsiedlung wird wohl nichts werden.

Mag die Werbung mit noch gar nicht existierenden Büros etwas kurios sein, so hat die Stadt doch Anlaß zu wirklicher Verzweiflung – auch wenn sie das noch nicht so zu sehen scheint. Mit spürbarer Genugtuung verfolgt sie, wie immer mehr Politiker vor allem wegen des Zustandes der Bundesfinanzen den Umzug nach Berlin auf die lange Bank schieben.

Bei den Gebäuden, die den Vereinten Nationen offeriert werden, heißt das, daß dort erst einmal, wie ursprünglich geplant, Abgeordnete und Fraktionen sowie andere Parlamentseinrichtungen einziehen werden. Wenn aber die Hauptstadt-Rochade zur Hängepartie gerät, dann können weder Bonn noch Berlin darüber glücklich sein. Zumal in Bonn würden in einem solchen Fall Entscheidungen über Zukunftsinvestitionen und Ersatzinstitutionen auf sich warten lassen. Das wäre die ungemütlichste aller vorstellbaren Aussichten – es sei denn, man setzte darauf, daß die Berlin-Entscheidung schon durch Zeitablauf obsolet wird. Das tun in Bonn nicht wenige, natürlich noch hinter vorgehaltener Hand.

Ach ja. Eine Stadt, die sich bei dem so wichtigen Freizeitwert Kultur selber verstümmelt und mit Pfunden wuchert, die es noch gar nicht gibt. Der Hauptstadtwechsel droht zu einem peinlichen Drama zu werden. Carl-Christian Kaiser