Die Szene in der heimlichen Hauptstadt dünnt aus, und mancher Münchner sieht’s nicht ungern

Von Horst Wette

Plötzlich war Charles Poolsmith da: Finanzmagnat aus Venezuela. Nichts weiter wurde über ihn bekannt. Doch jeden Tag stand er in der Zeitung. In München kann man so in der Zeitung stehen, einfach unter dem Zauberwort „Gesichtet“. Wenn in den Klatschspalten der drei Münchner Boulevardzeitungen verlautbart worden ist, wer wo wann mit wem was getrieben hat, kommmt der Nachklapp „Gesichtet“. Wer da aufgelistet ist, hat es unter den Schickimickis geschafft.

Da außer „Charles Poolsmith, Finanzmagnat aus Venezuela“ nichts weiter vermerkt war, konnte die Phantasie der Leser den Rest besorgen. Die Personalie klang gut. Venezuela schmeckt nach Bananenrepublik und Geldparkplatz. Finanzmagnat war sowieso erste Sahne für eine Klatschspalte. Wenn schon kaum einer sich etwas Rechtes unter einem Finanzmagnaten vorstellen konnte, so roch die Sache doch nicht einfach nur nach Geld, sondern nach viel Geld. Das will nicht wenig heißen in einer „neureichen Spießerstadt“ (Fernsehkritikerin Ponkie).

Als Charles Poolsmith zwei Wochen lang jeden Tag in der Abendzeitung gestanden hatte, einfach nur unter „Gesichtet“, griff die Bankiersgattin Münnemann in ihrer Grünwalder Villa zum Hörer und wählte die Nummer der Redaktion. Sie fragte nach der Telephonnummer des venezolanischen Geldmagnaten. Er sollte Gast bei ihrer nächsten Party sein. Leider hatte sie keinen Erfolg. Poolsmith gab es gar nicht. Ein Reporter hatte ihn erfunden. Einfach so.

Verwehende Töne

So was sprießt nur auf Münchner Kompost, wie auch mancherlei Typen nur auf Münchner Kompost gedeihen. Ein Medienmanager namens Beierlein, der die Gottesmutter als „Patrona Bavariae“, die „Internationale“ und die Fernsehrechte von Fußballspielen vermarktet, in Hannover? Ein Selbstdarsteller wie Köhnlechner, der die Heilkräfte der Natur in einer Weise preist, daß die Schulmediziner ihm in Scharen zur Fortbildung zulaufen müßten, mit Praxis in Hamburg? Ein Makler für Gebrauchsliteratur, Politik, Image-Wichse und vieles andere, was man nicht anfassen kann, einer wie Josef von Ferenczy, in Köln? Nein, dergleichen wuchert nur in dem Millionendorf mit Trambahn, der heimlichen Hauptstadt Deutschlands. Hier spielt seit vielen Jahren die Musi, wenn es um Freizeitwert, Lebensqualität, Wohnsehnsüchte der Deutschen geht.