Stell dir vor, sagt Marin Sorescu, du bist tot und kommst, wenn sich der Nebel gelichtet hat, in den Kinderschuhen der Seele drüben an. Alles beginnt von vorn, denn man wird dir einen Namen geben („Zephirbrise“ vielleicht), der dich von deinen Spielsachen trennt, von Erdkreisel und Sonnenball. Das lyrische Bild mit dem Welt spielenden Seelenkind paßt in seinem gedanklichen Grundriß auf Heraklits Spruch von der Welt als Spiel eines Brettsteine setzenden Kindes. Bei Sorescu allerdings ist das himmlische Kind menschlicher Herkunft.

Der 56 Jahre alte Rumäne steckt in der Haut eines alten Griechen, der in einer Zeit nach Goethe lebt („Das Vergängliche ist nur ein Gleichnis“) – und nach Nietzsche („Das Vergängliche / Ist nur dein Gleichnis“). Ein aus dem Nest gefallener Arkadier sehnt sich ins Paradies zurück, wo Wort und Ding eins sind. Aber die Götter sind tot. Der Himmel ist unser. Allerdings machen wir auch dort keine gute Figur. Wir würfeln, wenn wir nicht weiterwissen.

Die Würfel sind gefallen, wenn Ikarus stürzt. Bei Sorescu ist Ikarus erst in zweiter Linie ein Flugkünstler. Vor allem geht es abwärts mit ihm, aber unter Mitnahme der himmlischen Einrichtungsgegenstände (Dächer, Straßen). Sein Fall wird weich in einen Blumenkübel gelenkt. Von hier aus und mit ihm als Unterlage starten seine Nachfolger gleichen Namens zu immer höheren Flügen. „Man springt von immer höher in sein Grab“, lautet der letzte Vers des Gedichts. Sorescus poetisches Glaubensbekenntnis ist, zwischen Blumenkübel und Sonnenkürbis, die Beschreibung eines progressiven Kreislaufsystems der Kunst.

Er erzählt in Versen. Er verbindet die Merktechniken des Lyrischen und die Denkerleichterungen der narrativen Form für seine Sinnsprüche, Gleichnisse, Gedankenspiele und Sentenzen. In einem „literarischen Geständnis“ spricht er zwar von der dichterischen Inspiration als Zustand „metaphysischer Ermüdung“ und vom Schreiben als Akt der Selbstverbrennung. Aber er wirkt in den Mitteilungen seiner Gedichte höchst lebendig, diesseitig, kraftvoll und gesellig.

Seine Texte halten engen Kontakt mit den mündlichen Traditionen der Lyrik. Mit Händen zu greifen sind die einfachen rhetorischen Strukturen seiner Verse, die Fragen, Zurufe, Anreden, vertraulichen Geständnisse („Psst! – im Vertrauen“), das Gestikulieren, auch die Posen („...bin so müde des vergeblichen Erkennens! / Hab mich, den Kopf in beiden Händen, / auf einen Stein gesetzt“). Aber als Grübler ist Sorescu eine Fehlbesetzung, auch als Tragöde („das Wimmern meiner Ausweglosigkeit“) oder als Philosoph.

Seine Gedichte behalten ihren Charme, wenn er einen weiten Bogen um das heroische Fach macht und, beispielsweise, die „Kantsche Spekulation“ lyrisch in einen Topf wirft mit grünen Bohnen. Drum herum viel Dunst – Zwiebeln, Schnaps, Dampf, denn der Topf steht auf zu heißer Flamme. Darum nimmt ihm seine vom Markt heimkehrende Frau sofort den Kochlöffel aus der Hand und schickt ihn zum Dichten – vermutlich der Verse über das Kochen von Bohnen unter den Bedingungen des spekulativen Geistes. Sibylle Cramer

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