In Wien regierten am vergangenen Sonntag die Giraffen. An Tausenden Plätzen spähten sie um Straßenecken, wippten sanft mit dem Kopf – und warben für die erste Ausgabe einer neuen österreichischen Tageszeitung namens täglich ALLES. Die Selbstbedienungstaschen, auf denen die buntscheckigen Giraffenhälse aus Pappe steckten und mit deren Hilfe das neue Boulevardblatt landen werden sollte, waren meist schon in den frühen Morgenstunden leer.

Zahlreiche Medienberichte über das seit langem angekündigte Zeitungsprojekt und dessen unberechenbaren Herausgeber, Kurt Falk, hatten den Absatz angekurbelt – ebenso die für ein Boulevardblatt niedrige Auflage von 60 000 Exemplaren. Zunächst will Falk im Osten des Landes auf 300 000 kommen. Im Herbst soll täglich ALLES landesweit erscheinen mit einer Auflage von 650 000 Exemplaren – was sie zur zweitgrößten Tageszeitung des Landes machen würde.

Vierfarbig, bilderlastig und spottbillig. So präsentiert sich das kleinformatige Blatt, das auf 40 bis 64 Seiten im wesentlichen Sport und Chronik darbietet. Den Rest teilen sich Elemente wie TV-Programme, Serviceseiten („Loveskop“), Personality-Storys („Der einsame Tod einer schönen Frau“), Kommentare und Kurzmeldungen.

Allzu viele Gemeinsamkeiten mit klassischen Tageszeitungen hat täglich ALLES nicht – mit seiner durchgängigen Farbenpracht und dem hohen Anteil an vorproduzierten Geschichten ähnelt es eher dem ebenfalls im Hause Falk erscheinenden Wochenmagazin Die ganze Woche, dessen Motto „Unser Herz gehört Österreich“ lautet.

Ein neues Printmedium diesen Zuschnitts freilich war das letzte, was der österreichischen Medienszene mit ihren bescheidenen fünfzehn Tagblättern noch fehlte. Bereits jetzt wird das Land nämlich in beängstigender Weise von nur einem einzigen Boulevardblatt beherrscht: der rechtslastigen Kronen-Zeitung mit 2,7 Millionen Lesern täglich. Das sind 42 Prozent aller Österreicher über vierzehn Jahre, oder ebenso viele Leser, wie die auf Platz zwei bis sieben rangierenden Zeitungen zusammen. Damit ist die Krone – in Relation zu ihrem Markt – die größte Tageszeitung der Welt. Überdies sind die beiden leserstärksten Tageszeitungen des Landes, Krone und Kurier (955 000 Leser), auch noch zu einem Quasi-Monopol verknüpft: An beiden ist die Essener Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) mit je 45 Prozent beteiligt. Diese KrokuWAZ genannte Gruppe ist für viele Kritiker die Folge einer jahrzehntelangen verfehlten Medienpolitik, von deren Mißerfolg zahlreiche Zeitungspleiten zeugen.

Doch nicht nur deshalb ist die Aufregung derzeit groß. Falks täglich ALLES ist nämlich weniger ein Produkt unternehmerischen Elans, als vielmehr das Instrument eines Rachefeldzuges gegen die Krone. Dabei scheinen Falk auch Mittel recht, die für kaum eine Zeitung ohne Folgen bleiben werden. Seitdem gelten die friedlichen Giraffen, unter Kommentatoren auch als die Boten eines „Kampfes der Giganten“ – die Wiener Wirtschaftswoche spricht gar von der „Mutter der Zeitungsschlachten“, die nun beginne.

Falks Kontrahent in diesem „letzten Gefecht“, so das Wirtschaftsmagazin profil, ist sein ehemaliger Geschäftspartner und derzeitiger Krone-Herausgeber Hans Dichand. Die bereits Jahrzehnte dauernde, mittlerweile legendäre Feindschaft zwischen den beiden Männern hatte im November 1987 dazu geführt, daß Falk seine 50prozentige Krone-Beteiligung verkaufen mußte – 45 Prozent davon gingen an die WAZ. Aus diesem Verkauf, der Falk insgesamt 2,2 Milliarden Schilling (gut 300 Millionen Mark) brachte, stammt auch der größte Teil jener auf zwei Milliarden Schilling geschätzten Kriegskasse, die ihm für täglich ALLES zur Verfügung steht. Zudem kann Falk für seine Jagd nach den Lesern der Krone, die er aufgrund einer vier Jahre geltenden Konkurrenzklausel erst jetzt startete, auf die Gewinne seiner Ganzen Woche zurückgreifen. Als eine Waffe in der Schlacht um den Boulevardzeitungsmarkt dient Falk der Verkaufspreis seines neuen Blattes, täglich ALLES kostet lächerliche drei Schilling – also nur etwas mehr als ein Drittel der Krone (acht Schilling). Und Falk könnte diese Dumpingstrategie auch bis zu zwei Jahre lang durchhalten. Schon im Januar hatte Falks Ganze Woche gegen die „reine Profitgier“ der „Platzhirsche“ Krone und Kurier polemisiert: „Dem Zeitungsleser werden bis zu fünf Schilling zuviel aus dem Sack gerissen.“