Einem kleinen, nur knapp fünfzehn Zentimeter hohen Bronzekruzifixus ist das neueste „Kunst-Stück“ gewidmet, der 28. Band einer interessanten und wissenschaftlich anspruchsvollen Taschenbuchreihe, die der Hamburger Kunsthistoriker Klaus Herding herausgibt. Der Name des Autors Christian Beutler steht für unkonventionelle Gedankengänge, abseits der kunsthistorischen Trampelpfade – man denke an Beutlers erfolgreiche Suche nach der karolingischen Skulptur. Die Lektüre ist nicht nur spannend, es bereitet intellektuelles Vergnügen, den Autor in die immer noch rätselhafte Epoche zwischen Antike und Mittelalter zu begleiten und sich anhand eines mit Kennerschaft zusammengetragenen Bildmaterials Schritt für Schritt von der überraschenden These überzeugen zu lassen: Hier sei vom „ältesten Kruzifixus“ die Rede.

Beutler kennt die kleine Bronze, seit er vor Jahrzehnten im Kölner Schnütgen-Museum arbeitete. Damals galt sie als ein Werk des beginnenden 13. Jahrhunderts. Eine problematiche Datierung: Der Corpus hat weder mit gotischem Naturalismus noch gotischer Stilisierung etwas zu tun. Aber auch unter den romanischen Kruzifixen, von denen sich hervorragende Beispiele im Schnütgen-Museum finden, ist dieser Gekreuzigte ein Fremdkörper. Diese Fremdheit hat Beutler weiterhin beschäftigt und beunruhigt. Bis er viele Jahre später in der Skulpturengalerie in Berlin-Dahlem ein byzantinisches Elfenbein-Diptychon entdeckte, das dem Kölner Kruzifixus nahesteht, nicht nur in stilistischer Hinsicht, sondern in der theologischen Botschaft, die es vermittelt, wenn wir es richtig lesen, nämlich so, wie die Zeitgenossen es gelesen haben und nicht die späteren Jahrhunderte. Das Diptychon ist unbestritten in die Mitte des 6. Jahrhunderts zu datieren. Damit war ein erster Anhalt für die Datierung des Kruzifixus gewonnen. Und diese vermutete Zeitgleichheit wird durch historische Fakten speziell der Kirchengeschichte wissenschaftlich abgesichert. Ausgangspunkt ist das Dogma von der doppelten Natur Christi, das auf dem Konzil von Chalkedon verkündet wurde. Eben diese Doppelnatur ist auf dem Diptychon bildlich dargestellt, auf der linken Tafel seine menschliche, auf der rechten Tafel seine göttliche Natur. Wenn aber der menschliche Christus als bildwürdig anerkannt wurde, dann war es erlaubt, den Gekreuzigten in seinem menschlichen Leiden darzustellen, wobei freilich in diesem frühen Stadium „der qualvolle Tod zu einem friedlich Entschlafenen verklärt wurde“. Aber auch in dieser milderen Formulierung mußte die Darstellung des Kreuzestodes für einen Großteil der Gläubigen anstößig bleiben, sie hat vermutlich zum Ausbruch des Bildersturms beigetragen, dem im 8. Jahrhundert zahlreiche Bildwerke zum Opfer gefallen sind. Der Kölner Kruzifixus ist möglicherweise als das „verkleinerte, knappe Abbild einer Großbronze“, die im Bilderstreit zerstört wurde, aus einer Byzantiner Werkstatt nach Westeuropa gelangt.

Gottfried Sello

  • Christian Beutler:

Der älteste Kruzifixus

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 72 S., Abb., 16,80 DM