Von Joachim Fritz-Vannahme

Auf dem Pariser Cafehaustisch liegt zwischen den Teetassen die Photokopie eines Gesetzestextes: „Stones should be the right size to make the accused suffer.“ Der kleine Stein, kaum größer als ein Fünfmarkstück, würde nicht leiden machen, sondern nur kitzeln; der ganz große, dick wie ein Wollknäuel, würde nicht leiden machen, sondern gleich erschlagen. Erst das mittlere Format, das die Photokopie empfiehlt, tennisballgroß und mit sichtbar scharfen Kanten, genügt der Hinrichtungsvorschrift des iranischen Gesetzes, die Amnesty International in die Hände fiel.

„Eintausendzweihundert Frauen wurden seit der islamischen Revolution 1979 im Iran gesteinigt, die meisten schon in den ersten vier Jahren und fast alle auf dem Lande. Denn die Frau in der Stadt ist meist klug oder reich genug, schon die Anklage abzuwehren“, erzählte Freidoune Sahebjam. Die Geschichte einer hingerichteten Frau, er nennt sie Soraya Manoutchehri, hat der iranische Journalist heimlich recherchiert und aufgeschrieben: „Die gesteinigte Frau“ wurde in Frankreich vor zwei Jahren ein großer Bucherfolg, Rowohlt legt jetzt eine Übersetzung vor.

Freidoune Sahebjam schreibt mit der Nüchternheit des Chronisten – und erzählt mit dem Schwung eines großen Schauspielers. Kein Name bleibt da ohne Gesicht, kein Wortwechsel ohne Stimmen. Sahebjam verdoppelt sich. „Ich ist ein anderer“, Rimbauds berühmter Satz macht hier den Cafetisch zur Szene. Eben waren wir noch in der Ortschaft Kuhpayeh mit ihren strohgedeckten Backsteinhäusern, genauso haben wir es uns nach seiner Beschreibung vorgestellt, wozu also das Photo, Monsieur Sahebjam?

Und schon sitzen wir mit dem kleinen Freidoune im großbürgerlichen Berlin der Zwischenkriegszeit, Monsieur le Consul est servi: Im Hause des persischen Konsuls sprach man Französisch oder Deutsch. „Persisch ist meine vierte Sprache. Ich wollte nie ein hundertprozentiger Iraner sein. Erst war ich Diplomat, ohne mein Land näher zu kennen. Ich blieb dadurch einfach in diesem Europa, das meine Welt war. Als dann in Berlin der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah erschossen wurde, quittierte ich den Dienst und wurde in Paris Reporter, schrieb für Paris-Match oder sternüber Karajan und Richard Burton.“

Perser wurde dieser Kosmopolit mit dem sorgfältig gepflegten Pfeffer-und-Salz-Bart – „alle Perser sind eitel, der französische Reiseschriftsteller Pierre Loti nannte sie einmal die Franzosen des Orients“ – erst durch Zufall. „Plötzlich brach die iranische Revolution aus, mit einem Male redeten alle von Chomeini, der in der Nähe von Paris im Exil lebte, den bis dahin kaum einer kannte und dem der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing, nur weil er selbst den Schah verabscheute, Dinge erlaubte, die er jedem algerischen oder russischen Dissidenten in dieser Stadt verboten hätte.“ Und mit einem Male war der Berliner, Pariser und Genfer, kurz, der Europäer Freidoune Sahebjam zum „Experten“ in Sachen Iran promoviert: „Alle rannten mir damals die Bude ein, im Monde schrieb ich ‚Weder Marx noch Mohammed‘, im Fernsehen war ich Dauergast. Da wurde eine merkwürdige Person geboren. Ich fand mich in vorderster Front. Die Polizei warnte mich und riet mir zum Rückzug aufs Land.“ Am 12. Mai 1979 wurde der Kritiker von Marx und Mohammed, Schah und Ayatollah entführt, mitten in Paris.

Selbsternannte Revolutionäre verschleppten ihn in die Cité Universitaire, „in den Keller des Maison de l’Italie, das damals von einem Kommunisten verwaltet wurde“, und machten ihm einen Schauprozeß. Über einhundert iranische Studenten und Studentinnen klagten ihn an, prügelten ihn sechs Stunden lang, drohten ihm bald mit Hängen, bald mit Teeren und Federn. Freunde alarmierten schließlich Radio France; die Nachricht von einem islamistischen Prozeß mitten in Paris lockte wenigstens die Peporter an und zu später Stunde endlich auch die Poizei, die sich nicht auf den Campus traute. „Anderntags rief mich ein Onkel aus Teheran an! ‚Freidoune, du lebst? Allah sei Dank. Hier im Fernsehen berichteten sie über deinen Prozeß und deine Fatwa, deine Verurteilung!‘“