Von Ludger Lütkehaus

Von kaum einem Denker dieses Jahrhunderts ist eine ähnliche Faszination ausgegangen wie von Ludwig Wittgenstein. Die Aura, die ihn – selbst im skeptischen und ironischen, von Bertrand Russell inspirierten Cambridge – umgab, war die eines Genies und Asketen von höchstem ethischem Rigorismus, eines intellektuellen Heiligen, wie ihn auch die rationalistisch entzauberte Neuzeit manchmal noch zu brauchen scheint.

Wittgensteins Schüler J. N. Findlay hat diese Atmosphäre, hart am Rande der unfreiwilligen Selbstparodie, wiedergegeben: „... mit 40 Jahren sah er aus wie ein Jüngling von 20, von göttlicher Schönheit... ehrfurchtgebietend ... in seiner unirdischen Reinheit. Der Gott empfing ihn ... in einem asketischen Zimmer, das schön war durch seine fast vollkommene Leere ... er sah aus wie Apollo; ... seine Schönheit war bar aller Sinnlichkeit, sondern atmete allein die vier griechischen Kardinaltugenden ... Um ihn lag ... etwas Philosophisch-Heiliges, das zugleich sehr fern und unpersönlich war; er war der philosophe soleil.“

In der Philosophiegeschichte muß man schon sehr weit zurückgehen, um auf eine vergleichbare Verehrung zu stoßen: auf Sokrates und seinen Kreis; auf die Elogen des Alkibiades, wie sie von Piaton überliefert sind. Diese Spur sagt freilich auch schon etwas von den Motiven, die die Verehrung mitbestimmten: Es ist Eros, der Gott der Liebe, der hier spricht, und zwar bei aller unirdischen Reinheit und Heiligkeit keineswegs „bar aller Sinnlichkeit“. Asketische Kargheit, apollinische Schönheit und die kardinale Vierfalt der Tugenden verweisen vielmehr nach dem berühmtesten Satz Wittgensteins auf das, wovon man nicht sprechen kann, um unüberhörbar darüber zu schweigen. Wenn es jetzt nicht mehr verschwiegen werden muß, sondern klar gesagt werden kann, so ist das der ersten umfassenden Wittgenstein-Biographie gutzuschreiben, die den Untertitel „Das Handwerk des Genies“ trägt.

Gewiß, kongenial ist Ray Monks Werk nicht: mehr Handwerk als Genie. Über identifikatorische Anverwandlungsfähigkeiten verfügt der Biograph nicht. Größere literarische Qualitäten darf man von ihm – er ist mit einer Arbeit über Wittgensteins Philosophie der Mathematik promoviert worden – ebenfalls nicht erwarten. Auch hätte dem Buch noch etwas größere Sorgfalt gutgetan. Daß der für Wittgenstein so wichtige Schopenhauer etwa den „moralischen Willen“ zur einzigen Realität erklärt habe, ist blühender Blödsinn. Und wenn ein in Stuttgart ansässiges Lektorat Johann Peter Hebel als schweizerischen Dichter passieren läßt, ist die Unmutsgrenze überschritten.

Aber im ganzen ist das Buch gründlich und überaus fleißig recherchiert. Es faßt Leben und Werk aus intimer Kenntnis zusammen. Vor allem hat es den Vorzug, daß es einen brisanten Stoff ganz ohne sensationslüsterne Attitüde ausbreitet. Die schwierige Balance zwischen Respekt, ja Bewunderung für einen wahrhaft eindrucksvollen Menschen und Denker und der Wahrnehmung der Schattenseiten wird in bemerkenswerter Weise gewahrt.

Wittgenstein hat ein außerordentlich umfängliches Werk hinterlassen, von dem in der achtbändigen Werkausgabe bei Suhrkamp durchaus nicht alles enthalten ist. Die literarischen Nachlaßverwalter Wittgensteins haben ihre Rolle verantwortungsvoll wahrgenommen, was das Philosophische betrifft. Wo aber die Verehrung Einbußen zu erleiden drohte, haben sie lange Zeit eher im Geiste einer Gralsritterschaft als im Dienste der Öffentlichkeit reagiert. Große Teile der sogenannten „Geheimen Tagebücher“ Wittgensteins – chiffriert abgefaßte, aber eigentlich leicht zu entschlüsselnde Aufzeichnungen – sind der Öffentlichkeit bis vor kurzem vorenthalten worden. In den Mikrofilmen von Wittgensteins Manuskripten waren sie unkenntlich gemacht. Erst 1990 hat Wilhelm Baum die Tagebücher 1914/1916 herausgegeben. Und der Biograph Monk hat nun endlich ungehindert auf sämtliche kodierten Bemerkungen zurückgegriffen.