Botho Strauß’ aufregender Versuch über „Beginnlosigkeit“, seine „Reflexionen über Fleck und Linie“

Von Volker Hage

Astrophysik, Molekularbiologie, Chaosforschung? Das ist nichts für Denker und Dichter, nichts für Intellektuelle und Schriftsteller. Daß es „zwei Kulturen“ gibt, daß die Natur- und die Geisteswissenschaften kaum noch etwas miteinander zu schaffen haben, ist längst beschlossene Sache. Die Trennung scheint unwiderrufbar.

Sie hat eine lange Tradition. Zu Lebzeiten Goethes schon, der doch immerhin das eine und das andere noch mit Emsigkeit zusammendachte und zusammenzuhalten hoffte, hat einer aus der Schriftstellerzunft die Sache hingeschmissen. Erforschung der Natur? „Ja, wenn wir den ganzen Zusammenhang der Dinge einsehen könnten!“ Er frage sich, schrieb Heinrich von Kleist 1801 in einem Brief, ob er etwa „alle diese Kräfte und dieses ganze Leben“ nur dazu anwenden solle, um am Ende eine Insektengattung kennenzulernen oder einer Pflanze ihren Platz in der Reihe der Dinge anzuweisen? „Ach, mich ekelt vor dieser Einseitigkeit!“

Die Spezialisierung hat sich weiter zugespitzt. „Unglaublich, wie speziell die Fragen der Molekularbiologie geworden sind“, zitiert der Spiegel in einer Serie über Gehirnforschung den Heidelberger Wissenschaftler Peter Seeburg. „Da kann man berühmt werden, obwohl man sich nur mit einem einzigen Molekül beschäftigt.“

Die Lebenskrise des Dichters Kleist zu Beginn des 19. Jahrhunderts, seine Abkehr von den Naturwissenschaften, rührte freilich noch aus einem engen Kontakt mit der Forschung und der Philosophie seiner Tage her. Ausgelöst wurde sie nicht zuletzt durch das Studium der erkenntnistheoretischen Schriften Kants. Kleist an seine Freundin Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.“ So sei es auch mit dem Verstände: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“ Kleist fühlte sich „tief in seinem heiligsten Innern“ von dieser Botschaft verwundet.

Erst hundert Jahre später sollte ein deutscher Schriftsteller noch einmal eine ähnlich weitreichende Krise zum Ausdruck bringen: 1902 veröffentlichte Hugo von Hofmannsthal seinen berühmten „Brief“, Philipp Lord Chandos in den Mund gelegt (und um dreihundert Jahre zurückdatiert). Es sei ihm, dem Lord, dem hoffnungsvollen Dichter von einst, völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, „über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“. Die Worte, schreibt Lord Chandos, zerfielen ihm im Mund „wie modrige Pilze“. Nichts lasse sich mehr mit einem Begriff umspannen: überall nur noch Teile, Wirbel, Leere.