Mißwirtschaft auf Kosten von Patienten – jetzt soll die größte Privatpsychiatrie Europas verkauft werden

Hannover

Als der zwanzig Jahre alte Redaktionsvolontär Hans-Dieter Stoewer am 2. Februar 1949 die wunderschönen Parkanlagen in Ilten bei Hannover betrat, hatte er sich eigentlich nur auf einen vorübergehenden Aufenthalt eingestellt. Die Scheidung seiner Eltern hatte dem jungen Mann einen seelischen Knacks versetzt, er litt unter der Wahnvorstellung, die zweite Frau seines Vaters wolle ihn vergiften. "Pubertätspsychose" hieß die Schublade, die sich für ihn fand, "paranoide Züge" wurden diagnostiziert. Heute, 43 Jahre später, ist Stoewer immer noch in dem wunderschönen Park – allerdings in der geschlossenen Abteilung.

Aus dem Volontär, dem einst übersteigertes Selbstwertgefühl und überdurchschnittliche Intelligenz zugeschrieben worden waren, ist ein seelisches und körperliches Wrack geworden, das nicht mehr allein zur Toilette gehen kann und gefüttert werden muß. Depressionen, Angstzustände, Schübe manischer Überdrehtheit steigerten sich zum völligen Zerfall der Persönlichkeit. Elektroschocks, Insulinspritzen und "chemische Keulen" stellten den mittlerweile entmündigten Mann zwar ruhig, stoppten den Verfallsprozeß aber nicht. Und weder die Herstellung von Pantoffeln noch die Arbeit in der Anstaltsgärtnerei oder Fahrradwerkstatt vermochten ihm inneren Halt zu geben. Weil er schließlich immer häufiger das Weite suchte, sahen seine Therapeuten am Ende keine andere Möglichkeit mehr, als ihn in Haus 3 festzusetzen.

Vom seelischen Knacks zum Hospitalismus – es hat den Anschein, als habe die Anstalt den Mann erst vollends verrückt gemacht. Der 63jährige versucht heute Ruhe zu finden in einem Schlafsaal mit dreizehn Betten. Er verbringt seine Tage in einem karg möblierten Aufenthaltsraum – als einer von rund 820 sogenannten Langzeitpatienten der Wahrendorffschen Kliniken in Ilten bei Hannover, die seit Jahren immer wieder für höchst unrühmliche Schlagzeilen sorgen.

Die Rede ist von Mißständen und Manipulationen, von Gewinnsucht und Mißwirtschaft auf Kosten hilfloser Menschen. Seit drei Jahren schon ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Unterschlagung und Betrug.

Jetzt steht die größte Privatpsychiatrie Europas zum Verkauf. Die Wahrendorffschen Kliniken wechseln den Besitzer. Wer den Zuschlag erhalten soll, das will an diesem Wochenende die Erbengemeinschaft entscheiden. Der neunzehnköpfige Familienclan hat die Wahl zwischen zwei privaten Bewerbern und dem Land Niedersachsen. Während die gewerblichen Interessenten 94 Millionen Mark geboten haben, entschied der Ministerpräsident, keinesfalls mehr als 76 Millionen zu zahlen – keinen Pfennig mehr, als den Gläubigern nach dem laufenden Vergleichsverfahren zusteht.