Von Robin Detje

Carmen Kittel" heißt das Theaterstück, mit dem Georg Seidel leidlich bekannt geworden ist. Ansonsten wissen wir über ihn (weil wir den Klappentext dieses neuen Buches gelesen haben): "Geboren 1945 in Dessau, gelernter Werkzeugmacher, ab 1968 Bühnenarbeiter in Dessau, 1973 Beleuchter bei der Defa, ab 1975 am Deutschen Theater Berlin, zuletzt als Mitarbeiter in der Dramaturgie. Seit 1987 freier Schriftsteller in Berlin. Gestorben im Juni 1990."

Freier Schriftsteller in Ostberlin, muß man ergänzen, denn er hat nie die Seiten gewechselt. Das ist wichtig. Oder auch nicht. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Seidel ist immer auf seiner eigenen Seite geblieben.

Die Lebensdaten fallen auf: Geboren wurde Seidel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – gestorben ist er kurz vor der Wiedervereinigung, an plötzlichem, galoppierenden Krebs, "zu Hause" (wissen wir aus dem Nachwort von Irina Liebmann), "unter der Einflugschneise des Flughafens Tegel".

Die meisten Texte in diesem Band mit nachgelassener Prosa (Elisabeth Seidel und Irina Liebmann haben ihn herausgegeben) sind kurz, bloß ein paar Zeilen oder Seiten lang. Wenn sie sich in der wirklichen Welt aufhalten, im Diesseits jenseits der Mauer, die es angeblich nicht mehr gibt, sind sie trist und unendlich traurig. Wenn sie ins Verrückte abdriften, ins rettende Jenseits des Poetischen, Absurden (was sie meistens nach ein paar Sätzen tun), sind sie verrückt, absurd – und auch unendlich traurig.

Einmal zum Beispiel sitzt Filippi (dem wir auf diesen Seiten öfter begegnen) in einem Ministerium einer Frau gegenüber. Daß er keinen Reisepaß bekomme, sagt sie, sei nicht gegen ihn gerichtet. Filippi sagt: "Ich liebe Sie." Die Frau bekommt einen roten Kopf und spielt mit der Zeitung. Natürlich war die Situation, wie Seidel und Filippi wissen, vorher auch schon absurd – bloß die Frau ("Ihr Kunststoffkleid hatte unter den Achseln weiße Schweißränder"), die wußte es nicht.

Und was passiert jetzt? Kommt jetzt das Drama, die Katastrophe? "Zuhause kochte Filippi sich einen Topf Pellkartoffeln, und während die Kartoffeln kochten, schoß ein Mann in einem blauweißen Pullover auf dem Hof mit einem Luftgewehr in die Holunderbüsche."