Von Joachim Walther

Das unschuldige Leben der Kate Vaiden beginnt in den zwanziger Jahren und endet, als sie elf ist. Zwar lebt sie noch weitere sechzig Jahre, doch überschattet und bestimmt die Katastrophe, die ihr mit elf geschieht, alles weitere.

Ihr Vater, Dan, und ihre Mutter, Frances, versuchen, eine große, einmalige und ewige Liebe zu leben, die alle anderen ausschließt, selbst das eigene Kind. Kate muß erkennen: „Ich gehöre nicht dazu, es geht nur um sie.“ Es ist ein tödliche Liebe, die nach außen so hermetisch und nach innen so symbiotisch ist, daß sie ihr eigener Anspruch überfordert und sie sich selbst zerstört. Eine Liebe, die auf Erden nicht zu leben ist und nahezu zwanghaft mit Mord und Selbstmord endet: Dan erschießt Frances und sich selbst.

In den hinterlassenen Briefen findet die von ihren Eltern Verlassene tiefere Gründe als lediglich einen früheren Liebhaber namens Swift, so, wenn Dan an Frances schreibt: „Ich mußte Dir nur noch einmal sagen, wer mein Liebstes, wer mein Leben ist...“ – und am Briefschluß droht die tödlich ernst gemeinte Formel: „Ewig Dein Dan“.

Das Kind Kate fühlt sich so verlassen, daß es beschließt, sich hinfort nie mehr auf jemanden zu verlassen, und es radikalisiert diese zentrale Maxime später so, daß es alle Menschen, die es liebt, verläßt, bevor es von ihnen verlassen werden könnte. So inszeniert sie die merkwürdig verschattete Tragödie ihres Lebens, wobei ihr von Anfang an kaum mehr Spielraum bleibt.

Etliche Menschen, die Kates Weg kreuzen, wollen von ihr geliebt sein – und lieben sie, weil sie Kate brauchen. Dieses Gebrauchtwerden als Zuwendung erlebt sie in ihrer ersten Liebe zu einem Mitschüler, der sich, wie auch sein Nachfolger, umbringt. Der erste, Gaston Segall, läßt sich während der Grundausbildung bei den Marines erschießen, der zweite, Douglas Lee, erschießt sich selbst in der heimischen Badewanne. Zurück bleibt ein halbwüchsiges Waisenmädchen mit bedrängenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen – und einem ungewollten Kind im Bauch. Dem Kind, das Kate nicht lange nach der Geburt verläßt.

Das Ungeheuerliche daran ist so ungeheuerlich nicht, liest man, wie das anstrengende und zugleich unsensationelle Leben der Kate Vaiden weiter verläuft, wie sie jeden Morgen die Kraft braucht, es weiter zu leben, wie sie sich im Morgengebet täglich selbst befiehlt: „Steh auf und geh!“