Unter allen Faschismen ist uns der Antifaschismus eigentlich immer der liebste gewesen, und deshalb ist uns das Hinscheiden der DDR zu Herzen gegangen. Immer wenn wir ein ganz starkes antifaschistisches Bedürfnis verspürten, sind wir nach Ost-Berlin ins „Palast-Hotel“ gegangen und haben durch schieres Schlafen und Speisen in konvertierbarer Währung einen kleinen Ablaß gekauft. Es ist zwar keines größeren Aufhebens wert, aber: Unsere Devisen haben den Antifaschismus gestärkt.

Nun ist mit der Vereinigung keineswegs alles den faschistischen Bach hinuntergegangen. Manche unentwegt Linke behaupten das. Sie sollten einmal die Zeitungsanzeige lesen, mit der das „Palast-Hotel“ derzeit für den Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“ wirbt. Hat es das früher gegeben?

In bester antifaschistischer Tradition animiert das Hotel „zum Zwiegespräch mit der einstigen Avantgarde, die auch heute noch impulsgebend ist“. Für 185 Mark incl. Frühstücksbuffet, Museumsbillett und Fitneß-Center dürfen und sollen wir „ergriffen hinschauen“ auf das, was deutsche Barbaren mit der Kunst dieses Jahrhunderts angerichtet haben. Solche „Kurzbesuche im Zentrum deutscher Geschichte bringen heute glücklicherweise nicht nur Nachdenkliches mit sich“, versichert uns dieses „First-class-Hotel in exponierter City-Lage“, nämlich in der Karl-Liebknecht-Straße.

Es ist glücklicherweise wahr: Das bloß Nachdenkliche bringt uns in Sachen Vergangenheit nicht weiter. Auch und gerade die Vergangenheitsbewältigung werden wir jetzt first class angehen: Morgens ein Gläschen Champagner am Frühstücksbuffet, dann geht’s rüber ins Alte Museum (200 Meter), wir üben das „ergriffene Hinschauen“ auf den „bolschewistischjüdischen Generalangriff auf die deutsche Kunst“, wie die Nazis damals sagten, im Fitneß-Center machen wir uns munter, schwitzen die Nachdenklichkeiten in der Sauna aus und zischen am Ende dieses wunderbaren antifaschistischen Tages ein kühles Helles oder zwei.

Das hat eine andere Art als damals im trüben Osten! Im „Palast-Hotel“ wird Antifaschismus erst schön. Und so müssen wir uns revidieren: Unter allen Faschismen ist uns jetzt der Kapitalismus der liebste. Und falls wir mal wieder ein Bedürfnis verspüren: Das „Palast-Hotel“ ist die Anstalt. Finis