Von Michael Bauer

Damals, als der Kafka-Kult eine ganze Schriftstellergeneration vom Nierentisch an den Schreibtisch sog, gab Wolfgang Hildesheimer einer seiner „Lieblosen Legenden“ den Titel „Ich schreibe kein Buch über Kafka“. Was den einen Kafka oder Mozart, das war und ist den anderen Picasso. Längst füllen die Bücher über das Genie Regale; fünfzig Meter Sekundärliteratur dürften es inzwischen sein. Ihre Verfasser sind Freunde und Vertraute, ehrgeizige Kunsthistoriker und Randfiguren der literarischen Moderne, von Ramón Gomez de la Serna bis hin zu Emil Szittya.

Picassos Name steht für die Kunst des 20. Jahrhunderts, so daß es heute nur mehr zwei Möglichkeiten gibt: kein Buch über ihn zu schreiben oder eine grundlegende Monographie vorzulegen, die alle bisherigen Arbeiten berücksichtigt, sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt und zu einem neuen Bild des Künstlers führt.

Der erste Band eines solchen naturgemäß umfangreichen Werkes heißt lapidar: „Picasso“. Untertitel: „Leben und Werk 1, 1881-1906“. Autor der insgesamt auf vier Bände konzipierten Biographie ist der englische Kunstfreund John Richardson, der Picasso im Winter 1952/53 kennengelernt hat, als dieser von Françoise Gilot verlassen worden war. Zusammen mit David Douglas Cooper gehörte Richardson zum damals gerade entstehenden Freundeskreis um Picassos neue Lebensgefährtin Jacqueline Roque: „Mit jeder neuen Frau wechselten bei ihm auch die Freunde, der Lieblingsdichter, das Haus und sogar der Hund – selbstverständlich auch sein Stil...“

So gewann der damals Vierundzwanzigjährige das Vertrauen des Malers und seiner Frau, die ihm nach Picassos Tod im Frühjahr 1973 auch den Nachlaß zugänglich machte. Über zwei Jahrzehnte freundschaftlicher Kontakt mit dem Künstler, darüber hinaus Einblick in hinterlassene Aufzeichnungen, Dokumente und Werke – dies bot optimale Voraussetzungen und die Rechtfertigung für dieses Buch über Picasso. Im ersten Teil des ehrgeizigen Projekts werden Kindheit und Jugend, künstlerischer Durchbruch, Blaue Phase und Rosa Phase dargestellt. Mit mehr als 500 Seiten, mehr als 800 Abbildungen, einem ausführlichen Anmerkungsteil, mit Register und Werkverzeichnis ist John Richardsons Monographie schon jetzt ein Standardwerk zu Picasso wilden Jahren zwischen Madrid, Barcelona und Paris.

Der erste Band ist sowohl ein wissenschaftlich fundierter Beitrag zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts als auch ein unterhaltsam geschriebenes, reich illustriertes Lesebuch, ein Meisterwerk über ein epochales Genie – wären da nicht kleine Schwächen wie die Neigung des Verfassers zu tiefenpsychologischen Exkursen. So heißt es etwa in bezug auf die Darstellung einer jungen Mutter mit einer roten Blume in der Hand: „Blumen kam im 19. und frühen 20. Jahrhundert in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Von Prostituierten getragen, signalisierten sie laut Freud (der sich auf ‚Die Kameliendame‘ von Dumas beruft) herkömmlicherweise Menstruation oder Krankheit.“

Pablo Picasso bediente sich wohl kaum „herkömmlicher“ Blumen-, Kranken- und Menstruationssymbolik. Ebenso unwahrscheinlich ist ein traumatisches Erlebnis, das die nächtliche Obduktion eines Mädchens bei Picasso hervorgerufen haben soll, eine Episode, die seine Biographen beschäftigt hat. Schauplatz des nächtlichen Geschehens: ein Schuppen in Horta de Ebro. Im Beisein des jungen Malers zersägt der Dorfpolizist den Kopf eines toten Mädchens; daneben raucht der Arzt eine blutbespritzte Zigarre. Der Biograph Patrick O’Brian folgerte aus dem aufgesägten Mädchenkopf die späteren Doppelprofile, Biograph John Richardson widerlegt diese These zwar überzeugend, assoziiert für Picasso statt dessen aber den Tod seiner Schwester Conchita: „Weit davon entfernt, seinen Stil zu beeinflussen, dürfte das grausige Spektakel eher das durch Conchitas Tod ausgelöste Trauma und vielleicht das Trauma seiner eigenen Geburt aufgefrischt haben, bei dem Zigarrenrauch eine so bedeutsame Rolle gespielt hatte.“