Von Rolf Michaelis

Ein Abschied. So etwas werden wir nicht mehr zu lesen bekommen. Diese Art literarischer Parodie, ein Flickenteppich verdrehter Zitate, ein Wolkenbruch von Wortspielen, Kalauern, gereimten (und ungereimten) Witzeleien, die Projektion der bösen Gegenwart auf die vermeintlich heile Welt eines klassischen Stücks der Vergangenheit: Schreib-Tricks, wie Autoren sie in einem Land der Zensur entwickeln, von Gerhart Hauptmanns "Atriden"-Tetralogie aus den letzten Hitler-Kriegs-Jahren über Heiner Müllers "Philoktet" (1965) und "Herakles 5" (1966) bis zu "Omphale" von Peter Hacks (1970), Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." (1973) und Christa Wolfs "Kassandra" (1983).

Ein schmales Werkchen, ganze 26 Seiten Text und eine Seite "Anmerkung". Und doch hat man nach der Lektüre Muskelkater, wenn man bei Sophokles, Euripides, Goethe, Shakespeare und im "Büchmann" nachschlägt, um nur die Stellen im Original zu orten, die man als echte oder travestierte Zitate erkennt. Die roten Ohren der um die Lösung des Kreuzworträtsels im ZEITmagazin kämpfenden Leser sind nichts gegen das Fieber, mit dem, vor der Wende, Volker Brauns Leser in der DDR einen solchen Text entschlüsselt hätten.

Ja: hätten. Wird sich selbst drüben, in den neu genannten, fremden Ländern, jemand die Mühe machen, diesen verklausulierten Text zu dechiffrieren? Mit zumeist fehlenden Satzzeichen, im (nicht immer einsichtigen) Wechsel von GROSS- und Klein-Schreibung, mit Sätzen, die sehr schwer einer Person zuzuordnen sind, wehrt dieses auch als kleiner Vierakter zu lesende Stück, dieses politische Szenarium, wenn nicht Leser, so doch (zu) schnelles Verstehen-Wollen ab.

Von einer "Marmor-Statue" aus "Gips" ist einmal die Rede, von einem "Kunststück" – und es folgt von einem der beiden, als "Fluchthelfer" bezeichneten Männer, von Orest oder Pylades, die Iphigenie aus der Gefangenschaft des "skythischen Barbaren", des Tyrannen Thoas, befreien und "Heim ins Reich" holen, der böse Kommentar: "EIN FRACHTGUT. EDELMÜLL. HILFREICHE KUNST." Hören wir aus diesem Vers die höhnische Pervertierung der ersten Versgruppe aus einer der Weltanschauungs-Hymnen Goethes, über die der Olympier im Gartenhaus an der Ilm 1785 noch den Titel zu setzen wagte: "Das Göttliche": "Edel sei der Mensch, / Hilfreich und gut!"?

Ein ähnlicher Aha!-Moment gleich in der ersten Zeile des szenischen Textes, dessen (nicht genannte) Personen vom Leser erst im Lauf der Lektüre erschlossen werden können. "Halt. Wer da. Nein, antworte du mir. / Wie ist die Losung. Was für eine Losung. / LANG LEBE und so weiter. Und verrecke / Die Losung hab ich verlernt. DAS VOLK / Ich bin Volker." Echo der Fragen, mit denen in der Übersetzung von Schlegel/Tieck Shakespeares "Hamlet" beginnt: "Wer da? / Nein, mir antwortet; steht und gebt Euch kund. / Lang lebe der König!"

In den ersten Worten von Volker Brauns Text sind schon alle Themen und der groteske Stil-Mischmasch vorhanden: Ein Staat ist "aus den Fugen", Mordgeruch liegt über dem Land, Angst geht um, die Losung der Partei-Parolen ist vergessen, einen König Generalsekretär soll es nicht mehr geben. Dem Segenswunsch am Beginn einer Zeile ("Lang lebe") folgt, ans Ende der Zeile gestellt, der Fluch ("verrecke"). Die neue Losung ("Wir sind das Volk") wird vom Einzelnen aber schon nicht mehr anerkannt. Trotzig beharrt einer gegenüber dem Schrei der Massen auf der bescheidenen Selbsterklärung, auf dem höflichen Sätzchen, mit dem man sich vorstellt: "Ich bin Volker." Das ist mehr als nur ein Kalauer des 1939 in Dresden geborenen Schriftstellers Braun, der auf den Namen Volker getauft ist.