Lange Zeit konnte Ronnie nicht früh schlafen gehen. Sie setzte sich dann mit ihrer Crème de menthe vor den Fernseher und weinte. Am schönsten und traurigsten war es, wenn ganz, ganz spät noch ein Film mit Bette Davis lief. Da litt Ronnie am meisten, da war das Leid im Fernseher noch größer als ihr eigenes. Phil Spector hatte seine Frau Ronnie eingesperrt, sie durfte nie auf die Straße, nur einmal in der Woche in Begleitung eines Leibwächters zum Einkaufen – eine 25jährige in den sechziger Jahren. In ihrem Unglück blieben Ronnie nur der Fernseher und die Crème de menthe. Und war es nicht tieftraurig und hochbeglückend, wenn Paul Henreid, dieser edle Blonde, Bette Davis, diesem unendlich häßlichen Entlein, die bereits brennende Zigarette reichte! Betrunken und glücklich fiel Ronnie ins Bett. Das war ein Leben! Vor allem nicht das ihre, aber Paul Henreid und Bette Davis hatten sie wieder gerettet.

Andere, weniger traurige Menschen erinnern sich an Paul Henreid, weil er in "Casablanca" Ingrid Bergman bekam und mit ihr davonflog. Humphrey Bogart, dem glücklosen Ritter, blieb nur eine wunderbare Männerfreundschaft. In seinem makellosen weißen Anzug, der sorgfältigen Frisur, den Manieren eines europäischen Gentlemans machte Paul Henreid eine viel zu gute Figur. Wenn er die Straßen von Casablanca entlangspazierte und eine besorgte Miene zur Schau trug, lastete mindestens das Schicksal der Welt auf ihm. Er sollte sie ja vor den Nazis retten.

"Wenn wir aufhören, unsere Feinde zu bekämpfen, stirbt die Welt", sprach er zu Bogey als personifizierte Bundeszentrale für politische Bildung. Niemand hätte diesem Idealisten, der mindestens fünf Zentimeter über dem Boden schwebte und schon allein wegen dieser Gabe der Levitation eigentlich Heiliger war, den tschechoslowakischen Partisanenführer zugetraut, der er sein wollte, den Freischärler, der im KZ beinah umgekommen war, weil er Hitler töten wollte.

Aber das war ja auch nur ein Film. Ein Film, ja, aber aus Hollywood in seiner Blütezeit, als Warner Bros, sogar einen "Botschafter nach Moskau" (1943) schickte (ein anderer Film, in dem der Bundesgenosse Josef Stalin von seinem Volk als Großer Führer bejubelt wurde). Damals hatten die Guten nicht nur schlagkräftige Fäuste, sondern ein Herz, und das auch noch am rechten Fleck, nämlich links. Selbst der isolationistische Zyniker Bogart, der erst für niemanden den Kopf hinhalten wollte, wird in "Casablanca" zum Widerstandshelden. Der Antifaschismus findet im Studio statt, und sein schönster Ausdruck ist "Rick’s Café". Die bösen Deutschen singen die "Wacht am Rhein", und der edle Victor Laszlo führt den schließlich obsiegenden Gegenchor mit der "Marseillaise" an.

Dieser Edelmann kam als Paul Georg Julius von Henreid, ein veritabler Ritter von Wasel-Waldingau (wahrlich ein Name für einen Stroheim-Film), 1904 in Triest zur Welt. Er ging nach Wien, wo ihn 1933 Otto Preminger fürs Theater entdeckte, zog weiter nach London, schließlich nach Los Angeles. Seine Karriere erreichte im Jahr 1942 bereits ihren Höhepunkt, als er in "Casablanca" die alte Liebe zwischen Rick und Ilsa störte und in "Now Voyager" mit Bette Davis spielte. Zur Darstellung schnarrender SS-Chargen war er nicht geeignet, für den Liebhaber war er zu prinzipienfest, zuviel Friedrich Schiller, zuwenig Gary Cooper. Der führte seine Ingrid Bergman schon in deren nächstem Film, "Wem die Stunde schlägt", heim bzw. in seinen Schlafsack.

Der Triumph von "Casablanca" wurde Henreids Niederlage. Seit den Fünfzigern war er immer öfter selber Regisseur, bei Filmen oft zweifelhafter Qualität: In "Dead Ringer" (1964) durfte er Bette Davis dirigieren. Wie so viele ehemalige Stars mußte er sich aufs Fernsehen einlassen, betreute ungezählte Folgen der Serien "Big Valley" und "Bonanza". Zu einem seiner letzten Auftritte holte ihn John Boorman für die Fortsetzung des "Exorzisten" (1977), aber da kannte ihn schon kaum mehr jemand. Henreid war der, der das Mädchen gekriegt hatte, ohne daß er sie hätte erobern müssen. "Casablanca" war mehr als ein Film, es war das Leben. Am vorletzten Sonntag starb Paul Henreid in Los Angeles, natürlich an Herzversagen. Er hat es nie verwunden, daß Ilsa nicht ihn, sondern Bogey liebte.

Willi Winkler