Eine zehnköpfige Londoner Abendgesellschaft tafelt im Stadtteil Islington, einer Gegend mit Flair. Der Diener (in Wahrheit ein Gauner) kommt von der Butlerschule „Top-One“. Und top ist die Gesellschaft, der er serviert. Vollendet langweilt man sich bei gepflegtverlogenem Small talk. Mit Scharfblick beobachtete und gezeichnete Figuren – von hoher Künstlichkeit und dabei dem Leben doch genau abgeschaut – scheinen Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett Abteilung Moderne Ehe und Beziehungen entstiegen zu sein.

Mittelpunkt der gestylten Dinnergesellschaft von – nach Selbsteinschätzung – beachtlichem intellektuellem Niveau ist das frisch verliebte und vermählte Traumpaar William und Margaret Damien. Die junge Ehefrau – gebürtige Murchie, eine schottische Familie aus St. Andrews – ist ein bezauberndes Geschöpf, wären da nicht ihre vorstehenden Zähne. Zudem meint jeder den Namen Murchie schon irgendwo und irgendwann in einem ganz anderen, dunklen Zusammenhang gehört zu haben. Der junge Ehemann ist im Nebenberuf künftiger Erbe seiner steinreichen Mutter, einer australischen Pressemagnatin. Und der Reichtum wirft seine Schatten voraus. Während man sich aufs geistreichste und geistloseste unterhält, geschieht. Genau.

Geschickt rollt Muriel Spark mit der ebenso einfachen wie wirkungsvollen Technik zeitlich verschobener Rückblenden die Handlung auf und führt auf diese Weise mit sicherem Gespür für das richtige Timing die Fäden und Personen samt ihren beziehungstechnischen und verbrecherischen Verstrickungen an der Dinnertafel zusammen.

Schöne und – wenn dies nicht der Fall ist – geistreiche, im Idealfall beides vereinende, auf alle Fälle interessante und intelligente Menschen sind die Grundvoraussetzung für eine gelungene Dinnerparty der „zauberhaften“ Gastgeber, eines ebenso mittelmäßigen wie erfolgreichen Malers, und seiner Lebensgefährtin, einer gleichfalls sehr reichen, sehr charmanten australischen Witwe. „Wenn es etwas Schönes auf der Welt gibt, dann sind es die Dinnerparties bei Chris und Hurley.“

Im übrigen scheinen keinen der Gäste größere Geldsorgen zu plagen. Nur eben den Aushilfskellner Luke, eine junge, schöne, charismatischamerikanische Gestalt, Todesengel und kleiner Gangster in einer Person, zu dem sich die eine und der andere hingezogen fühlen. Zur zunehmenden allgemeinen Verdüsterung trägt ferner Margaret Damiens gelinde gesagt rätselhafte Anziehungskraft auf ungeklärte Todesfälle bei, die ihr strahlendes Erscheinungsbild schon lange vor besagtem Dinner zumindest beeinträchtigt. Und das nie aufgeklärte Verschwinden einer Lehrerin, die sich einst mit Margaret zum Tee traf, auf die Toilette ging, von dort nie mehr zurückkehrte und unauffindbar blieb, läßt sogar den seiner Tochter in blinder Liebe ergebenen Vater leise erschaudern.

Erst als es zu spät ist, bringt man sie mit ihrem Onkel Magnus im fernen Schottland in engeren Zusammenhang, seit Jahrzehnten Insasse der Nervenheilanstalt Jeffrey King und Margarets Guru mit einer Vorliebe für alte schottische Balladen und einem ausgeprägten Hang zu alttestamentarischen Schreckensgemälden mit sicherem tödlichem Ausgang. Mit seiner Hilfe wird aus der liebevollen Ehefrau eine kalt rechnende, mordlüsterne schottische Hexe.

Durch all diese mehr oder minder drastischen Ereignisse und Verwicklungen führt Muriel Spark den Leser behutsam und mit sicherer Hand, wobei ihre kühle Diskretion mitunter dann doch etwas ins Konventionelle abgleitet. Clemens Eich