Seit letztem Sonntag sind in Peru die Grundrechte außer Kraft gesetzt; die Panzer regieren. Politiker stehen unter Hausarrest, die Presse wird geknebelt. Präsident Alberto Fujimori hat sich mit Hilfe der Militärs zum Diktator ernannt. Haiti, Venezuela, Peru: eine Kette ohne Ende? Bricht der Boden unter Lateinamerikas Demokratien weg?

Weltweit ertönt die Empörung über den „Auto-Golpe“ des „Japaners“. Washington hat beschlossen, Peru die Kredite zu sperren. Die Regierungen Lateinamerikas appellieren an Lima, es möge zur Demokratie zurückkehren. Zu welcher?

Alberto Fujimori war vor zwei Jahren mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. Damals nannte man ihn noch „Chinito“, den „kleinen Chinesen“. Die Peruaner stimmten für den politisch unerfahrenen Akademiker, weil sie des Ränkespiels der Parteien überdrüssig waren. Fujimori mußte ohne Unterstützung der politischen Klasse regieren. Das Parlament blockte ab, wo es nur konnte. Nun hat Fujimori die Volksvertretung aufgelöst und eigenmächtig eine Notstandsregierung eingesetzt. Etliche prominente Politiker wurden arrestiert, Fujimoris Amtsvorgänger Alan García war nach dem Putsch „verschollen“. Ob die Peruaner darüber traurig sind, wird sich noch zeigen.

Für den kalten Staatsstreich in Lima gibt es keine Rechtfertigung. Doch viele peruanische Politiker, die jetzt über den Untergang der Demokratie lamentieren, müßten sich fragen, was sie zur deren Festigung beigetragen haben: Sie predigten öffentlich Wasser und tranken heimlich Wein. So war es, und so ist es leider nicht nur in Peru. Auch in Venezuela war vor wenigen Wochen die Unzufriedenheit des Volkes der Nährboden für den Putschversuch einiger Jungtürken. „Fujimori ist einem solchen Putsch zuvorgekommen und hat sich an dessen Spitze gesetzt“, meinen Kommentatoren und verweisen auf die an Umstürzen reiche Geschichte Lateinamerikas oder auf die Ähnlichkeit mit dem Regime der linksnationalistischen Offiziere Perus von 1968 bis 1975.

Die Demokratie hat die Reichen nur reicher und die Armen ärmer gemacht. Die von Washington und der Weltbank propagierte neoliberale Wirtschaftspolitik ist überall in Lateinamerika mit hohen sozialen Kosten verbunden, die von den Armen bezahlt werden. Was tut eigentlich der Westen, um diese Kosten zu senken? Die Vereinigten Staaten exportieren ihre sozialen Probleme (Drogen) in den Süden und zwingen die Andenstaaten zur militärischen Aufrüstung im Drogenkrieg. Die Europäer sperren ihre Märkte für Agrarprodukte aus Lateinamerika. Ihre Wirtschaftshilfe ist ein Tropfen auf den heißen Stein, Zins und Zinseszins der milliardenschweren Auslandsverschuldung engen die Spielräume zusätzlich ein. Auch im Bürgerkrieg mit dem maoistischen Sendero Luminoso, der bereits weit mehr Opfer als der Wüstenkrieg um Kuwait gekostet hat, ließ man Peru allein. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Carl D. Goerdeler (Rio)