Er ist der trägste Mensch der Weltliteratur. Er liebt seinen doppelt gewickelten Schlafrock und die weichen, breiten Pantoffeln. Aus philosophischer Uberzeugung bleibt er meist im Bett. Im Schlummer vergißt Oblomov Ordnung und Zwang, Menschen und Dinge. 1838, einundzwanzig Jahre vor dem Erscheinen dieses großen Romans, debütiert Ivan Goncarov mit einer kaum beachteten Erzählung, in der jemand oft und laut gähnt: Nikon Ustinovic Tjazelenko, der Ur-Oblomov, „war seit seiner Jugend berühmt für eine beispiellose, methodische Faulheit“. Wie sein prominenter Nachfahre verbringt er sein Leben fast ausschließlich in den Kissen.

Er spricht wenig, ißt und schläft viel. Nichts ist ihm verhaßter als unnötige Bewegung. Da wollen es der Teufel und das dramaturgische Geschick des jungen Beamten und Hauslehrers Goncarov, daß eine Schreckenskrankheit im Frühjahr Sankt Petersburg verseucht. „Die Schwere Not“ ist nicht etwa Schlafsucht, sondern – im Gegenteil – eine ansteckende, übertriebene Regsamkeit, die sich in heftigen wie sinnlosen Spaziermärschen ausdrückt. Tjazelenko und sein Gefährte, der Erzähler, sind gottlob immun. Aber ihre Freunde, die Familie Zurov, können sie nicht retten. Die Leidenden vergessen Hunger, Durst, körperliche Erschöpfung und laufen sich in ihrer Ausflugswut fast zu Tode.

Diese liebevoll edierte und von Peter Urban kongenial übersetzte Erzählung „Die Schwere Not“ (Friedenauer Presse, Berlin 1991; 104 S., 26,– DM) ist eine literarische Kostbarkeit, die schon den späteren Großmeister der russischen Literatur verrät. Elke Heinemann