Der Schriftsteller Hans Sahl, der in diesem Jahr neunzig Jahre alt wird, verließ Deutschland 1933 und lebt seit 1989 in Tübingen; er wundert sich über den Protest vieler ZEIT-Leser gegen Jürgen Mantheys kritische Auseinandersetzung mit Bertolt Brecht („Staatsdichter im Kinderland“, ZEIT Nr. 14

Sollte der hervorragende Aufsatz von Jürgen Manthey das Signal zu einer längst fälligen Auseinandersetzung mit einem kulturellen Phänomen sein, das Bert Brecht heißt? Bert Brecht – das war einmal, jedenfalls für meine Generation, ein Aufruf, ein Aufruhr, ein Durchbruch zu einem neuen Zeitalter und die Liquidation eines alten, das mit der Russischen Revolution von 1917 sein Ende fand und mit ihm auch das Ende der ästhetischen und gesellschaftlichen Werte, die es geprägt hatte.

Bert Brecht – das war aber auch das Alarmzeichen für eine intellektuelle Haltung, die in dem Maße in ihr Gegenteil umschlug, in dem die Utopie von der klassenlosen Gesellschaft zur Herrschaft einer Partei über das Volk wurde.

Das wirft zugleich auch die Frage auf, warum immer wieder Kunstwerke von Bedeutung aufgrund von falschen Anschauungen über die Natur des Menschen und seine Geschichte entstehen können. Nicht alles ist zu jeder Zeit möglich. Marx war wichtig für das 19. Jahrhundert, weil er dazu verhalf, aus einem rechtlosen Proletariat eine gesetzlich geschützte Arbeiterklasse zu machen und in die Gesellschaft einzubauen. Für unser Jahrhundert aber sollte gelten, was schon Henry Ford in Amerika verkündete: Macht den Arbeiter zum Konsumenten dessen, was er produziert, gebt ihm die Möglichkeit zu kaufen, was er herstellt!

Eine sehr nüchterne Forderung, weit weniger geeignet, zum Dichten und Denken anzuregen, als das revolutionäre Pathos, mit dem einst die Arbeiter auf die Barrikaden gingen, um für die Abschaffung der Kinderarbeit oder für ihr Streikrecht zu kämpfen. Wenn Manthey in seiner Studie Brechts Stalinismus aus seinem Infantilismus ableitet, so darf auch nicht vergessen werden, daß es sich bei der Mehrzahl der im Zeichen des Marxismus-Leninismus Dichtenden und Denkenden um Bürgersöhne handelte, die ihrer Klasse abtrünnig wurden. Insofern entsprang Brechts Marxismus einem elitären Bedürfnis, anders zu sein, klüger, auf alles eine Antwort zu wissen, und zwar die einzige, mit andern Worten, einer geistigen Elite anzugehören, die auch noch dem, der sich ihr verschrieb, zu Ansehen und Macht verhalf.

In dieser Hinsicht wird die von Brecht in seine Lyrik eingebaute marxistische Terminologie zu einer Schockwirkung, einem Verfremdungseffekt, wobei Worte wie „Mehrwert“ oder „Produktionsmittel“, „Ausbeutung“ oder „Klassenkampf“ denselben exotischen Stellenwert erhalten wie einst der „Moon of Alabama“, den Brecht besang, bevor aus dem Anarchisten der Genosse wurde.

Sich von dem Dichter Brecht zu distanzieren heißt noch nicht, sich ganz von einem Autor zu trennen, dem es immerhin gelang, aus sich selbst eine Kultfigur zu machen, die richtunggebend für eine ganze Literatur von Abtrünnigen werden sollte. Er war der als Prolet verkleidete Sohn aus gutem Hause, der in einem Brief an eine Freundin darum bat, nicht mehr zu erwähnen, daß er seidene Hemden unter seiner (nach Maß geschneiderten) Arbeiterjacke trug. Er war begabt mit einem Kunstverstand, der oft frappierend Größe vortäuschen konnte, wo es ihm doch zumeist darum ging aufzufallen, zu brüskieren. So etwa, wenn er 1930, drei Jahre vor Hitlers Machtantritt und sechs Jahre vor den Moskauer Prozessen, in seinem Lehrstück „Die Maßnahme“ den politischen Mord im Interesse der Partei rechtfertigte.