Von Peter Henning

Von André Dubus, dem in Bradford (Massachusetts) lebenden frankokanadischen Amerikaner, kennt man hierzulande bisher nur den Kurzroman "Stimmen vom Mond" aus dem Jahr 1985 und den Band "Ehebruch und anderes" mit vier ausgewählten Novellen. Nun kommt die Sammlung "Sie leben jetzt in Texas" hinzu.

Zehn der besten Short stories von Dubus, Erzählungen, die auf betörend altmodische Weise unerhörte Begebenheiten in einem unerhört reinen und geradezu klassischen Ton präsentieren: Mit drei, vier knappen Formulierungen gelingt es Dubus, den Leser einzustimmen, auf seine Revue der großen und kleinen Gefühle. Ob Handlungsabläufe, Personenkonstellationen oder einfach nur das Vorstellen einzelner, herausgehobener Personen: Nichts überläßt dieser Meister des Unspektakulären dem Zufall. In seinen mit wenigen genau gesetzten Worten, wie im Handumdrehen erzeugten, vielfältigen Stimmungslagen sind es zumeist kleine, kaum aufsehenerregende Dinge – ein unbedacht geäußerter Gedanke, eine unüberlegte Geste oder manchmal nur ein Blick –, die sich ausweiten zu massiven seelischen Erschütterungen.

In der Erzählung "Der Fluch" verwandelt sich die eben noch ausgelassen-heitere Kneipenatmosphäre sekundenschnell in ein bedrückendes Szenario, als vier Männer vor den Augen eines Barkeepers eine junge Frau vergewaltigen. Die Täter werden kurz darauf von der Polizei gestellt, die allgemeine Beklemmung ist einer sich allmählich ausbreitenden Erleichterung gewichen; trotzdem gelingt es dem Barmann nicht, sich freizusprechen von einer selbstempfundenen Mitschuld, die seit jener unheilvollen Zeugenschaft wie ein Fluch auf ihm lastet: "Vom Fußboden hinter sich auf der anderen Seite des Raums spürte er ihren Schmerz, ihr Entsetzen und ihr Leid, dann ihren Fluch gegen ihn. Der Fluch bohrte sich in seinen Rücken und drang durch seine Wirbelsäule nach oben und unten, in seinen Magen, in seine Beine und Arme und Schultern, bis er darunter erzitterte. Er wünschte, er wäre allein, damit er niederknien könnte, um ihn auf sich zu nehmen."

Dubus ist versessen auf die Beschreibung jener vermeintlich irrationalen Bewußtseinsgrenze, bei deren vorsätzlicher, zwanghafter oder auch nur unreflektierter Überschreitung sich die eben noch rational erklärbaren Handlungen seiner Figuren plötzlich und auf mysteriöse Weise gegen sie richten. Den kleinen, unsichtbaren und bestenfalls nur zu erahnenden Rissen und Beschädigungen am Innersten des Menschen schenkt der Autor in sämtlichen Texten erhöhte Aufmerksamkeit.

So gelingt es der jungen Louise in der Erzählung "Das dicke Mädchen" mit Hilfe einer Freundin, vorübergehend aus dem ebenso deprimierenden wie sie selbst lähmenden und isolierenden Kreislauf ihrer heimlichen, krankhaft betriebenen Naschsucht auszubrechen; in letzter Konsequenz aber versinkt sie wieder in jene Willenlosigkeit, die sie aus Mangel an Liebe und Beachtung von neuem zurücktreibt in den Wahn des süßen Selbstvergessens, in die fadenscheinige Geborgenheit der Schokoriegel.

Das ist es, was Dubus in immer neuen Varianten exemplarisch zu demonstrieren versteht: die wie beiläufig arrangierten Konfrontationen des einzelnen mit sich selbst; das oft schmerzvolle Hinabschauen auf den Grund der eigenen, sich plötzlich bedrohlich weit öffnenden Seele. Daß es dem Arzt in der Erzählung "Der Doktor" am Ende trotz aller Anstrengungen nicht gelingt, einen unter einer schweren Steinplatte begrabenen Jungen gemeinsam mit Hilfe anderer vor dem Ertrinken zu retten, offenbart ihm auf ebenso grauenhafte wie absurde Weise innerhalb weniger Sekunden die lächerliche Begrenztheit seines Handelns. "Niemand wußte, warum die Platte herabgefallen war. Den ganzen Nachmittag hindurch, wann immer Art es zu begreifen versuchte, fühlte er, wie sich sein Hirn verspannte, und er versuchte, mit dem Nachdenken aufzuhören, aber es gelang ihm nicht. Nach drei Drinks dachte er von der Betonplatte dasselbe, was er immer von Krebs dachte: daß sie mit der Willenskraft eines Killers ausgestattet sei."