Kiel, im April

Eigentlich war Mti Linda gekommen, weil ihm seine deutschen Genossen einen rauschenden Wahlsieg versprochen hatten. Jetzt trank der schwarze Südafrikaner mißmutig und verlassen ein Bier: "Verflucht, wenn ich diese Neonazis sehe, fühle ich mich ganz wie zu Hause." Der ANC-Mann ist Gast der Friedrich Ebert-Stiftung. Als er im Kieler Landeshaus den schwitzenden Gerhard Frey und den "deutsche Steuern für deutsche Aufgaben" geifernden Ingo Stawetz erlebte, mußte ihm niemand erklären, um was für eine Partei es sich bei der Deutschen Volksunion (DVU) handelt – rechtsradikale Figuren scheint Mti Linda nach Jahrzehnten der Apartheid schon instinktiv erkennen zu können.

Schuld am Rechtsruck sei die Asylkampagne der CDU, lautet die offizielle Erklärung der SPD. Aber es gibt unter den Roten im Norden unabhängige Köpfe, die das anders sehen: "Mit unserer eigenen Zählaktion haben wir dazu beigetragen, daß einzelne Fälle von Asylmißbrauch auch für sozialdemokratische Wähler zu einem seriösen Thema werden konnten. Da darf sich niemand wundern, daß viele zur DVU abwanderten." Der Lübecker Richter Wolfgang Nescovic – vor wenigen Wochen stieß sein Haschisch-Urteil eine bundesweite Legalisierungsdebatte an – zielt auf die umstrittene Maßnahme der Kieler Landesregierung, bei der sich kurz vor den Wahlen rund 11 000 Asylbewerber zeitgleich in den Sozialämtern melden mußten. Man hatte Fälle von Mißbrauch festgestellt; der spektakulärste: Ein Schwarzafrikaner hatte sich achtmal angemeldet und kassiert.

"Jeder, der auf der Straße Wahlkampf macht, kennt die Stimmung. Und die Leute haben ja recht, wenn sie auch der sozialdemokratischen Asylpolitik mißtrauen." Norbert Gansel, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Kiel, stimmt schon seit Monaten gegen die asylpolitischen Beschlüsse seiner Bonner Fraktion. "Wir liefern den Rechten immer nur neue Munition. Es hilft alles nichts: Wir müssen die Einwanderung von Ausländern gestalten und begrenzen – und werden auch um eine Grundgesetzänderung nicht herumkommen."

Ministerpräsident Björn Engholm verdankt seine Ein-Stimmen-Mehrheit im Landtag dem knappen Scheitern der Grünen. 398 Stimmen sollen ihnen zum Einzug ins Parlament gefehlt haben; es wird nachgezählt. Den Kieler Sozialdemokraten fiel auch ein Stein vom Herzen, weil ihnen Koalitionsverhandlungen mit Wolfgang Kubicki, dem selbstbewußten Vorsitzenden der neuen FDP-Fraktion im Landtag, erspart blieben. "Ob Sozial- oder Frauenpolitik, in einer Koalition mit Kubicki wäre allzuviel auf der Strecke geblieben", meint Bundesratsministerin Eva Rühmkorf.