Von Wolfgang Reischock

BERLIN. – Wie viele Köpfe hat die nukleare Hydra? Einen um den anderen abzuschlagen versprechen die Heraklesse aus Washington und Moskau. Geringe Meinungsverschiedenheiten gebe es lediglich noch bei Kleinigkeiten, zum Beispiel bei den Interkontinentalraketen.

Allerdings braucht man heutzutage keine ballistischen Raketen, um Kernwaffen ins Ziel zu bringen. Schon vor Jahren wurde bekannt, daß die in Westeuropa stationierten Einheiten der US-Army mit nuklearen „Rucksackminen“ ausgestattet sind. Sie lassen sich im Marschgepäck oder in der Kabine eines harmlos aussehenden Sportflugzeuges unterbringen und ans Ziel transportieren. Ihre Sprengkraft beträgt je nach Typ (Delta oder Echo) 0,3 bis 1 Kilotonne. Gewiß, die Detonationsstärke der Hiroshimabombe war zwölf- bis vierzigmal größer. Aber „richtig plaziert“ – zum Beispiel an einem Kernkraftwerk – würden Rucksackminen ihre Wirkung vervielfachen.

Zum Hydrakopf wird das Ganze auch dadurch, daß die Konstruktion einer Kernwaffe längst kein Geheimnis mehr ist. Ein nuklearer Sprengsatz kann – entsprechende Kenntnisse aus der allgemein zugänglichen Literatur vorausgesetzt – in fast jedem beliebigen Land hergestellt, ja sogar von technisch versierten Einzelpersonen zusammengebastelt werden. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, an das angereicherte Uran oder Plutonium heranzukommen, für deren Herstellung große Industriekapazitäten und eine gut funktionierende Technologie erforderlich sind.

In diesem Licht müssen Urandiebstähle Aufmerksamkeit erregen, wie sie in der Vergangenheit aus Frankreich, Großbritannien und auch der Bundesrepublik bekanntgeworden sind. In den Vereinigten Staaten waren aus der Urananreicherungsanlage der Nuclear Materials and Equipment in Apollo im Verlauf von zwanzig Jahren 342 Kilogramm hochangereicherten Urans „verschwunden“. Allein . diese Menge würde ausreichen, um 38 Hiroshimabomben zu bauen.

Von dem Plutonium-Isotop 239, das in steigenden Mengen von Schnellen Brütern produziert wird, genügen 4,7 Kilogramm, um einen Sprengsatz zu bauen. Für Plutonium, das auch an Wiederaufbereitungsanlagen anfällt, gibt es inzwischen einen internationalen Schwarzmarkt. Schon vor vier Jahren hatte das deutsche Fernsehen einen Händler vor der Kamera, der sich „Eric“ nannte und unverblümt mitteilte, daß der heiße Stoff beispielsweise im „Khartum Hilton“ gehandelt werde und man „jederzeit mit einer Lieferung rechnen“ könne.

Der Skandal um die Nuklearfirmen Nukem und Transnuklear steht in besonderem Zwielicht. Der Bundestagsabgeordnete Schily sah sich damals zu der Frage veranlaßt, „welche internationale kriminelle Bande hier eigentlich am Werk“ sei. Um so dringlicher müssen wir heute fragen, wie es eigentlich um die Kontrolle und Sicherung des spaltbaren Materials steht, das auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion lagen. Davon hörte man aus Moskau bislang nichts. Das Problem hat im übrigen auch eine Zukunftsdimension: Was geschieht mit dem Know-how jener etwa 3000 exsowjetischen Kernwaffenexperten, die sich gegenwärtig nach einem neuen Job umsehen? Schon kommt die nächste Möglichkeit ins Blickfeld, Kernsprengsätze aus Isotopen der sogenannten Transurane herzustellen, die schwerer sind als Plutonium. Ihre kritische Masse (hier setzt der spontane Kernspaltungsvorgang ein) ist sehr gering, bei einem Americum-Isotop beispielsweise achtzig Gramm. Das heißt, eine Kugel, die diese kritische Masse aufweist, hätte nur 2,2 Zentimeter Durchmesser! Ein Sprengsatz mit der Zerstörungskraft von einer Kilotonne wäre kaum größer als eine Thermosflasche. Bei einem Californium-Isotop – einem schweren Transuran – liegt die kritische Masse gar unter zwei Gramm.