Von Bernd Nitzschke

Ein großer Entdecker, Eroberer, Feldherr, ein Kolonisator, am Ende gar ein Gesetzgeber wie der Mann Moses – all das sind Bilder, Metaphern, in denen Freud sich zu spiegeln wußte. Dabei hatte es ihm ein unbekannter Kontinent besonders angetan: Schwarzafrika. Als junger Mann, 22 Jahre alt, schrieb er – vermutlich in Anspielung auf die Lektüre von Henry Morton Stanleys „Through the Dark Continent“ (1878) – an seinen Freund Silberstein: „Ich habe mir die letzten Wochen mit Lesen afrikanischer Entdeckungsreisen verschönert ... Es ist eine reizende Lektüre, hat nur etwas von der Eigentümlichkeit jener Märchen, in denen der Königssohn einen gräßlichen Drachen und unüberwindlichen Zauberer nach dem anderen mit einem Schwerthieb spaltet, bis die gräßlichen feindlichen Ungeheuer aufhören, uns bange zu machen ...“

Der Königssohn – „Sigi, mein Gold“, wie ihn die Mutter noch genannt haben soll, als er bereits Großvater war – entdeckte im Laufe seines Lebens allerlei Afrika, allerdings nicht in der äußeren, sondern in der inneren Welt. Dabei teilte er, im übertragenen Sinne, das Schicksal des Kolumbus, der „Indien“ suchte und Amerika fand, oder auch das Schicksal des Ödipus, der das Rätsel der Sphinx zu lösen meinte und dabei doch nur sich selber enträtselte. Denn das ist ja wohl der Sinn der Antwort des Ödipus: Des Rätsels Lösung bin ich selber. Die Gestalt der Sphinx, die die vier Elemente der Natur – Feuer, Wasser, Luft und Erde – symbolisiert, ist meine Gestalt. Also bin Ich ein anderer – bin ich (auch) Nicht-Ich.

Daß mit solcher Selbstanalyse allerdings nicht gleichzeitig und notwendig Selbst-Erlösung verbunden ist, prophezeit der antike Mythos ebenfalls: Selbsterkenntnis, bis zum tragischen Grunde fortgeführt, endet bei einer oft unerträglichen Wahrheit. Um nicht noch mehr von sich sehen zu müssen, blendete sich Ödipus. Selbst(ver)blendung als Schutz, als Abwehr.

Die Eroberung des „dark continent“ – eine Metapher, die der alte Mann Freud für das „Rätsel Weib“, speziell für die weibliche Sexualität wählte –, das war, will man Rohde-Dachser glauben, eine Strategie des Begründers der Psychoanalyse beim Versuch, das Andere als „Weib“ zu erforschen, um auf diesem Wege doch nur die in der eigenen Brust verborgenen „gräßlichen Drachen“ zu bekämpfen. Freuds Weiblichkeitskonstruktionen analysiert Rohde-Dachser daher im Sinne von Projektionen, in denen sich Männerphantasien verbergen, deren uneingestandener Zweck es gewesen sei, gesellschaftlich vorgegebene Herrschaftsgesten des Mannes psychoanalytisch zu affirmieren.

Rohde-Dachsers Buchtitel „Expedition in den dunklen Kontinent“ greift also ganz bewußt die von Freud gewählte Metapher des „dark continent“ auf, jedoch zum Zwecke eines Umkehrschlusses. So gedeutet, bezeichnet der dunkle Kontinent nicht mehr die Psyche der Frau, sondern die von Rohde-Dachser aus den Werken Freuds und anderer Autoren (vor allem Autorinnen: Helene Deutsch, Melanie Klein) extrahierten „psychoanalytischen Geschlechtermythen“.

Das (männliche) Wunschbild von der „kastrierten“, den Mann als Ergänzung benötigenden Frau, das Freud entwarf, könne sich jederzeit ins Angstbild von der nichtkastrierten, allmächtigen und aus diesem Grunde von den Männern dämonisierten, da potentiell von ihnen unabhängigen Frau verkehren, meint Rohde-Dachser.