Auf merkwürdige Weise wird der Sender Freies Berlin (SFB) in der Hauptstadt niedergemacht, geschmäht, geschwächt und sogar verfemt. Dies dauert nun schon Jahre. Politiker in der Stadt halten es für fair, vor allem das Radio-Programm immer wieder nach links zu denunzieren und schlechtzumachen. Mehrere fatale Intendanten-Wahlen und ein gegenüber dem eigenen Sender mißgestimmter Rundfunkrat haben den SFB auch in der ARD Prestige gekostet. Das Selbstbewußtsein der Berliner Radiomacher ist angeknackst. Sie suchen sogar den eigenen Namen zu meiden, um die erwartete Mißgunst der Hörer auszuschalten: SFB 4 heißt deshalb „Radio 4 U“, gesprochen „Radio for you“. Und SFB 1 wurde jetzt wahrhaftig „Berlin 88 8“ getauft, der Wellenlänge und dem Stil der aggressiven Privatradios folgend. Der abenteuerliche Plan, das Kulturprogramm SFB 3 mit dem hessischen hr 2 zusammenzulegen, entspringt nicht nur einem einseitigen Sparwillen (alles Geld ins Fernsehen!), sondern auch dem geduckten Selbstbewußtsein im Sender. Und natürlich ist SFB 3 nicht im Paket der sechzehn digitalen Satelliten-Radios, wo sich die Kulturprogramme von Bremen über Hamburg und Köln bis München wunderbar tummeln, einschließlich des Rias Berlin.

So war der gelegentliche Mitarbeiter von SFB 3 höchst erstaunt, als er ein Vierteljahr in Berlin lebte und die Programme von SFB 1 bis 4 hörte: überwiegend gute Qualität und besonders erfreulich SFB 3, das Kulturprogramm. Es hält allen Vergleichen mit dem Deutschlandfunk und mit S 2 (SDR Stuttgart und SWF Baden-Baden) stand, die der Chronist in seiner Heimat hört. SFB 3 hat viele permanente Zuhörer, man kann sie ruhig Fans nennen; auch das war in Berlin zu lernen. Das große Verwundern über den so miesgemachten und gedeckelten Sender ging beim kritischen Hören seiner Programme in Kopfschütteln über.

Nun endlich wehren sich die Funk-Kollegen mit einer originellen und pfiffigen Idee: Sie machen eine eigene Zeitschrift nur für ihr Kulturradio, den SFB 3. RadioKultur heißt das freundlich aufgemachte neunzigseitige Journal. Auflage: 12 000. Es druckt monatlich das Programm von SFB 3 vollständig für jeden Tag, außerdem die Kulturglanzlichter der anderen Programme und des Fernsehens, dazu kleine Stücke aus dem Programm und Werkstattberichte. Hörfunkdirektor Wolfgang Seifert schreibt im Editorial, in den marktorientierten Fernsehprogrammzeitschriften führe das Radio ein Schattendasein. Es sei also an der Zeit, deutlicher als bisher zu machen, wie wichtig Kultur, nämlich Theater, Musik, Politik, Wissenschaft, Hörspiel und Feature bei uns seien.

Es ist merkwürdig, daß das Medium Radio das Medium Zeitung braucht, aber Papier ist zur Infra-Information besser geeignet als die schnell verfliegende Radiowelle. Es gibt durchaus eine vielseitige Radiozeitschrift, das Dampf-Radio, aber sie bringt alle Radiosender, erscheint wöchentlich und ist mit 249 Mark im Jahr auch nicht billig. Die Berliner RadioKultur kostet pro Monatsausgabe nur 4,80 Mark „Schutzgebühr“. Das ist keineswegs kostendeckend. Kostenlos wollten die Initiatoren das Heft aber nicht hergeben. Die Ideen-Fee und Redakteurin Pia Stein sagt dazu: Wer bestellt schon ab, was ihn nichts kostet. Die RadioKultur wird also an „400 ausgewählten Kiosken“ vertrieben, und die Abonnenten der jetzt eingestellten Info-Blätter sind angeschrieben und gefragt worden, ob sie für so etwas wie RadioKultur auch Geld bezahlen würden. Sie würden.

Nun hoffen Pia Stein und die Herausgeberin SFB-Werbung GmbH, daß in dem Heft für die Zielgruppe der SFB-3-Hörer geworben wird, die in SFB 3 selbst keine Werbung hören müssen. Ohne Werbung wäre die neue Zeitschrift wohl nicht lebensfähig. Doch die Klientel ist interessant.

In dem ersten Heft sinniert der Berliner Kultursenator Ulrich Roloff-Momin darüber, daß die Berliner und Berlin-Besucher sehr zahlreich der Kultur nachgehen: 16,5 Millionen im Jahr besuchen Museen, Schlösser und Gärten, 2 Millionen sind in den Kunstausstellungen, 12 Millionen in den Kinos der Stadt, 22 Millionen entleihen Bücher, 3,5 Millionen gehen ins Theater. Und das, sagt der Kultursenator, muß sich im Radio spiegeln. Und dies, sagen die Radiomacher, muß bekanntgemacht werden.

Ungewohnte Anregung in RadioKultur bringt ein nachdenklicher Essay von Harry Pross: „Die Kunst des Hörens“. Darin skizziert Pross das Hören als „eine Manier des Antwortens“. „Es ist nicht nötig, daß diese Antwort (des Zuhörers) Sprache wird.“ Aber die Kunst des Radiohörens „kommt um längere Beiträge nicht herum“: den zwei-Minuten-Fanatikern ins Stammbuch. Radio-Kultur macht es nun in Berlin möglich, das Hören längerer Beiträge auch zu planen.