Polen und Deutsche tun sich seit tausend Jahren schwer mit ihrer Nachbarschaft. Unser Autor, Redakteur der Zeitung „Polityka“, schrieb diesen Beitrag für ein deutschpolnisches Symposion.

Von Adam Krzemiński

Vor kurzem wollte ich meiner sechzehnjährigen Tochter – die Vorzüge der Freizügigkeit zwischen dem neuen Deutschland und dem neuen Polen nutzend – die Rembrandt-Ausstellung in Berlin zeigen. Sie sollte die Mittellage Berlins genießen und sich daran gewöhnen, daß auch für sie diese Metropole jetzt – wenigstens manchmal – erreichbar ist: „Rembrandt als Erzieher“ also für ein „multikulturelles Europa“.

Bei der Ankunft in Schönefeld winkte der Grenzbeamte meine Tochter durch, ihr Paß war noch unbefleckt. Meinen ließ er vorschriftsmäßig überprüfen, ob im Zentralcomputer nichts „Polizeiwidriges“ gespeichert ist. Ganz normal. Das Psychodrama begann, als der Beamte dem nächsten in der Schlange, seinem Paß nach ein Deutscher, auf sächsisch zuflüsterte: „Es dauert so lange, weil wir prüfen, ob er nicht zum Kartoffelpellen kommt.“ Worauf mir entfuhr: „Und die alte DDR gibt es doch noch.“ Meine Tochter fragte, worum es gehe, und empörte sich: „So ein Ekel. Sie sind eben alle so, die Deutschen ...“ Ich unterbrach ihren Redeschwall: „Und unsere deutschen Freunde, sind die auch so?“ Sie schwieg verkniffen.

Kurz darauf, auf dem S-Bahnsteig, sah sie unter vielen anderen einen älteren Mann mit einem großen Schild, auf dem „Zuschauer sind Zuhälter und Zuschläger“ stand. „Was heißt Zuhälter? Und warum trägt er das?“ fragte sie mich. „Weil im Lustgarten eine Demo gegen Ausländerhaß ist...“ – „Und er fährt extra einen so langen Weg hin und macht dafür dieses Plakat? Die Mühe würde sich bei uns kaum jemand machen...“

Von der Ausstellung war sie dann beeindruckt, und die Buttons der Demonstranten im Lustgarten hat sie auch gelesen. Aber auf dem Rückweg packte sie dann blanke Angst, als uns in der S-Bahn-Unterführung brüllende Jugendliche, schwarzgekleidet, kurzgeschoren, in schweren Stiefeln und kettenrasselnd entgegenkamen und man von der „Nachtwache“ nur noch zwei Polizisten hastig hinter der Ecke verschwinden sah. Meine Tochter glaubte sich wahrscheinlich schon im Mittelpunkt der „Anatomiestunde“. Rembrandt als Erzieher eben.

Ich habe Ihnen, vielleicht ein wenig weitschweifig, diese Geschichte erzählt, um nicht wieder mit der sattsam bekannten Gegenüberstellung polnisch-deutscher Stereotypen und Klischees anzufangen. Die polnische „Geschichtsneurose“ ließ die tausend Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaft zu einem Klumpen kontaminieren, der die psychologische Ausstrahlung eines mittleren Tschernobyl hat. Und genauso wie bei dem „Sarkophag“ in der Ukraine wissen nur wenige, wie man diesen Klumpen entsorgen kann. Die Geschichte der letzten zwei Jahre hat gezeigt, wie zerbrechlich der Schutzmantel über dem strahlenden Reaktorkern innerlich noch glimmender Animositäten ist.