Dort, wo sich die Allee Unter den Linden mit der Friedrichstraße kreuzt, an dem 1887 „verkehrsreichsten Platz in Berlin an einem Sommernachmittag“, blieb der Schriftsteller Jules Laforgue einen Augenblick stehen: „Und wie ich eine Weile verharre, vernehme ich wie im Traum nur das vorherrschende Straßengeräusch: es war ganz eindeutig das Rasseln der nachschleppenden Säbel.“ In einem ganzen Kapitel seiner Notizen beschrieb er den „Berliner Boulevard, das Bummel- und Vergnügungszentrum, die Sonntagspromenade der Berliner“, an der sich die Metropole Preußens versammelt hatte: mit Universität, Opernhaus, Neuer Wache, Zeughaus, Singakademie („dem besten Konzertsaal“), nach Osten stellte sich das Schloß gegen die Achse der Allee, nach Westen verbrämte das Brandenburger Tor ihr Ende. So ist es bis heute – wenngleich die Linden nicht mehr dieselben sind, wenngleich die architektonische Fassung des Prachtidylls abgerissen, neu errichtet, zerbombt, wieder aufgebaut worden ist und heute trotzdem lädiert aussieht, etwas schäbig.

Schon als Laforgue von ihr erzählte, war sie ganz anders als knapp siebzig Jahre vorher, da die Haude & Spenersche Zeitung Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen einen sensationellen Bildstreifen herausbrachte: das „Panorama vom Königl. Schloß bis zum Brandenburger Thore, auf der einen – eben so vom Dom bis dahin auf der andern Seite, jedes Gebäude, die Perspektive der Querstraßen, die Nummern ... genau angegeben“. Nicht genug, ist das Panorama „durch Figuren, Truppen, Reuter, Wagen usw. usw. und was sonst noch im täglichen Leben sich daselbst regt und bewegt, mannigfach staffiert, und gewährt Einheimischen sowohl als auch Fremden eine angenehme täuschende Ansicht“.

Nun gibt es die „Lindenrolle“ wieder, so wie damals (wenn auch komfortabler) „in einer kleinen Camera obscura anzuwenden“, einer ovalen Büchse, aus der man links die eine, rechts die andere Straßenseite ziehen konnte, jede fast vier Meter lang. Die Rolle, im Herbst von der Nicolaischen Verlagsbuchhandlung in limitierter Auflage herausgebracht, war trotz ihres Liebhaberpreises schnell vergriffen, nun ist sie als Buch erschienen. Das ist zwar weniger originell, aber praktischer: Als Leporello läßt sich die älteste Gesamtansicht der malerischen Straße bequemer und viel genauer betrachten oder: darauf lustwandeln.

Mit der Straße hatte es 1647 begonnen, als der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm dort eine knapp einen Kilometer lange „Gallerie“ pflanzen ließ: sechs Reihen Linden- und Nußbäume. In den siebziger Jahren wurde damit begonnen, ihre Ränder mit Wohnhäusern zu bebauen. 1793 wurde das alte Brandenburger Tor durch das von Langhans ersetzt.

Die Chronik füllt sich: Gaslaternen (1826), elektrische Beleuchtung (1888), 1925 fragen Wasmuths Monatshefte für Baukunst die Architekten in einem Wettbewerb: „Wie soll Berlins Hauptstraße Unter den Linden sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gestalten?“ (erster Preis an den Holländer van Eesteren), 1936 wird die Allee (nach der Fahrbahnverbreiterung) erneuert: mit 350 holsteinischen Silberlinden. Im Jahr darauf werden die Hausnummern geändert (etwas, das auf den Blättern vermerkt wird). Nur 13 der 64 Gebäude hatten den Zweiten Weltkrieg überstanden, und selbst die sind nicht dieselben, die die Lindenrolle zeigt. 1949 erließ der Ostberliner Magistrat ein „Lindenstatut“, das die Gesimshöhe auf höchstens 22 Meter festlegt. Man wahrte den Rahmen, doch zu architektonischen Glanzleistungen waren die SED und ihre Chefarchitekten nicht fähig.

Nach diesem Überblick beginnt Hans-Werner Klünner seinen Spaziergang von Haus zu Haus, von Geschichte zu Geschichte: eine amüsante, interessante Lektüre, die unter der Hand zum Geschichtsbild der Linden und ihrer Wandlungen wird: Reitweg-Promenade – wilhelminischer und republikanischer Boulevard – Paradierstraße der Nazis – Sackgasse der DDR.

Und nun? Mal sehen, ob ihre Aureole neuerlich zu leuchten beginnt – oder ob sie sich bloß der Kommerz aneignet. Manfred Sack