Für Arbeitsplätze im neuen Vergnügungspark bei Paris hat sich Frankreich viel Geld und Konzessionen abhandeln lassen

Von Ludwig Siegele

Frankreich wird zum erstenmal selbst kolonisiert." Seinen Humor läßt sich Olivier Bourjot, Bürgermeister des kleinen Fleckens Chessy, trotz allem nicht nehmen. "Und wissen Sie, was das Schlimmste ist: Die Franzosen merken es nicht einmal", amüsiert er sich und zeigt auf das neueste Fax des Präfekten: Links oben auf dem Deckblatt grinst einem Mickymaus entgegen und rechts davon prangt: République Française.

Was weiter unten steht, findet der dreißigjährige Bauunternehmer allerdings weniger lustig. Der Chef des Departements Seine et Marne genehmigt reihenweise Riesenfeuerwerke – Proben für die gigantische Eröffnungsfeier von Euro-Disneyland, das keinen Kilometer von Chessy entfernt liegt (siehe ZEIT vom 6. März), am Palmsonntag. Gestern hat Bourjot über hundert Dezibel gemessen: "Das war wie auf dem Mururoa-Atoll."

Bei aller Provokation trifft der junge Lokalpolitiker doch den Kern. Denn Euro-Disneyland, rund dreißig Kilometer östlich von Paris gelegen, ist nicht nur der vierte große Vergnügungspark des amerikanischen Freizeitkonzerns Walt Disney Company(WDC) nach jenen in Kalifornien, Florida und Japan. Das Milliardenprojekt ist vor allem ein gigantisches Testgelände – für den wirtschaftlichen Strukturwandel Frankreichs.

Und dieser Strukturwandel hat auch seine Symbole: Für Euro-Disneyland, das wachstumsträchtige Freizeitgeschäft östlich der Metropole, ist es das Dornröschenschloß. Am südwestlichen Stadtrand von Paris, wo einst in Billancourt in einer riesigen Fabrik Renault-Autos gebaut wurden, war es der "Kleine Kreml". So hieß die auf Mechanik spezialisierte Abteilung "70", eine legendäre kommunistische Hochburg. Fast jeder Arbeiter dort war kampferprobtes Mitglied der Gewerkschaft Confederation Generale du Travail (CGT) und bei Streiks ganz vorne dabei.

Heute ist der Kleine Kreml verwaist. Die Fabrik ist nur noch eine Geisterstadt: überall menschenleere Gassen, knarrende Stahlkonstruktionen, verlassene Maschinenhallen ... Von den 37 000 Arbeitern in den sechziger Jahren sind zuletzt kaum mehr als tausend übriggeblieben. Und auch sie bekommen jetzt ihre Papiere: Ende März macht die "Arbeiterfestung" endgültig dicht – nur wenige Tage bevor das Magic Kingdom seine Pforten öffnet.