Von Hajo Steinert

Wilhelm Genazino ist ein poetischer Voyeur. Doch seine Wahrnehmungslust ist einer ziemlich befremdlichen Wahrnehmungsfeierlichkeit gewichen. Jeder noch so flüchtigen Begebenheit, jedem noch so häßlichen objet trouve verleiht sein durch Frankfurt am Main flanierender Protagonist Schönheit und Würde. Dabei gerät er nur zu oft an die Grenzen unfreiwilliger Komik.

Herumliegende Blechdosen, Pappbecher und Pizzakartons werden zu „Zeichen einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit“. Ein namenloser Schriftsteller, Held des Romans „Leise singende Frauen“, setzt sich auf den Rand eines Blumenkübels und sinniert über die „geheime Milde des Mülls“. Dann klopft eine „lebhafte“ Hausfrau ihre Plumeaus im Fenster aus. Federn wirbeln durch die Luft und werden von zufällig vorbeiflatternden Amseln aufgegriffen. Schon schwärmt der Schönseher von „Schöpfungsverknüpftheit“. Endlich trete „sichtbare Poesie in die Welt“.

Ein anderes Mal gerät ihm Sand ins aufgeschlagene Buch. Wer je ein Buch am Strande las, weiß, wie störend das sein kann. Doch dem Mann im Roman sind die Körnchen heilig. „Durch dieses phantastische Ineinanderdringen von Sand und Buch fällt mir ein, daß Erde und Schrift vielleicht schon immer zusammengehört haben, weil beide unvergehbar sind.“

Genazino verkündet. Und er versteigt sich in Aphorismen. Über das Alter etwa. Nach der Schilderung taubenfütternder Seniorinnen erfahren wir: „Die Frauen sind nicht bösartig, sondern altersglücklich. Der Ertrag des Alters besteht im endlich sich selbst zugestandenen Recht auf Gedankenlosigkeit, und zwar bei vollständiger Beibehaltung des Verstands.“

Was ist nur in ihn gefahren? Zuletzt hat Wilhelm Genazino noch unter dem Titel „Die Liebe zur Einfalt“ einen sehr gelungenen Roman vorgelegt. Seine poetische Methode ist nicht einmal grundsätzlich anders als in jener Geschichte über seine Kindheit in den fünfziger Jahren. Hier wie dort geht es dem Autor um das detaillierte Registrieren und Ordnen von Alltagsmomenten in einer Großstadt. Doch was in dem früheren Text durch die Orientierung an der eigenen Biographie und an den Figuren der Mutter und des Vaters erzählerisch zusammengehalten wurde, verläuft sich jetzt in einer Vielzahl belangloser Momentaufnahmen.

Eine Japanerin mit „kleinen“ Füßen, „zierlichen“ Stoffschuhen und, was sonst, „winzigem“ Geldbeutel bekommt eine Gänsehaut bei beginnendem Regen. Eine Frau geht ins Textilgeschäft, eine andere in einen Phonoladen, der Schriftsteller immer hinterher. Dem Geheimnis von zufällig herumstehenden Stöckelschuhen wird nachgegangen, ein Hamster klettert in einem Kinderwagen herum, ein Punk mutiert zum Postbeamten, eine Frau schielt extrem, ein Alkoholiker kippt plötzlich um. Deponie-Möwen kreisen über der Stadt, junge Frauen singen leise beim Überqueren der Straße, jemand läßt ein Stück beschriebenes Papier in der Straßenbahn liegen. Was wohl draufsteht?