Folter und Verletzung der Menschenrechte – die Armee greift durch, die Politiker beschwichtigen. Wer regiert die Türkei?

Von Fredy Gsteiger

Vor dem Übermenschen ist der Mensch klein. Ganz verloren wirken die beiden Männer, die den riesigen, leeren Platz vor dem Atatürk-Mausoleum fegen – eine Sisyphusarbeit. Verglichen mit der gigantischen Anlage in Ankara, wirkt Lenins Ruhestätte auf dem Roten Platz in Moskau wie eine bessere Gartenlaube. Die Arbeiter tragen Krawatten, und ihr Kollege, der das Glashaus eines Wächters poliert, steckt sogar im dunklen Anzug. Hat nicht Mustafa Kemal Atatürk, der "Unsterbliche", aber 1938 doch der Leberzirrhose erlegene Führer, die orientalischen Umhänge verboten und westliche Kleidung verordnet?

Die Schülerinnen, die auf der Paradestraße herumtollen und schwatzen, wirken an diesem Ort der feierlichen Huldigung und der strengen Formen fremd. Sie können mit der Quasireligion des Kemalismus, die hier zelebriert wird, wenig anfangen.

Ohne Atatürk, dessen Manschettenknöpfe und Socken als Reliquien ehrfürchtig aufbewahrt werden, gäbe es die heutige Türkei nicht, wäre von dem riesigen Osmanischen Reich nach dem Ersten Weltkrieg nichts übriggeblieben. "Nie mehr dürfen wir den Irrtum begehen zu glauben, wir seien die Herren der Welt", meinte Atatürk. Stärke durch Selbstbeschränkung auf das Territorium der Türkei, lautete seine Einsicht. Die Wahrung seines Erbes gebietet dem Lande noch heute eine westliche und weltliche Ausrichtung.

Streit um das Erbe

Doch wie bei jeder politischen Lehre, so gibt es auch beim Kemalismus die unterschiedlichsten Schulen der Interpretation. Ambitiöse Nationalisten mit pantürkischen Expansionsgelüsten, Sezessionisten unter den völkischen Minderheiten sowie islamische Fundamentalisten wollen die Türkei in jeweils andere Richtungen führen. Zwischen Autokratie und Demokratie, zwischen Einheit und Spaltung, zwischen Religion und Laizismus, zwischen Orient und Okzident sind starke Kräfte am Werk, die für Spannungen sorgen. Die Gewalt, die sich in diesen Tagen erneut im fernen Anatolien zwischen Kurden und Staatsmacht entlädt, ist nur eine Erscheinungsform.