In diesem Sommerhaus am Templiner See „wolltest du sein“. Das ist nun, im Sommer 1990, kein Traum mehr für den Besucher aus Westberlin, den Erzähler in Frank Werners Roman „Haus mit Gästen“. Diesen Ort hat er gesucht. Hier kann er sich auf eine Selbstbegegnung einlassen, kann er die „Gedächtnisleiter“ hinabsteigen, sozusagen ein Archäologe in eigener Sache.

Das Ziel dieser Zeitreise in die Vergangenheit, dessen ist er sich sicher, wird ein kleines Dorf in Thüringen sein, wo er geboren wurde: Hainbrück. Zusammenhänge werden deutlich werden, die wunderbar sind und schrecklich zugleich. Zuviel ist passiert, was im nachhinein eine bestürzende Gegenwart beweist und Vernarbungen aufreißt. Und so kann der Sommer am See keine Idylle sein. Wespen greifen an „wie in einer Art Selbstmordwut“: Ein Kind wird nur durch einen Luftröhrenschnitt gerettet; ein aus dem Nest gefallener Grünfink ist bloß noch Schädel und Krallen. Und die Leute in Hainbrück, erinnert sich der Erzähler, sagten: „Wer von Wespen träumte, hatte bald das Feuer im Haus.“

Hier in dem Sommerhaus sitzt der Erzähler unter der Lampe am Tisch und bedeckt ihn mit seinen Aufzeichnungen. Gäste sind da, Nachtgestalten, vertraute Gesichter darunter und dämonische Wiedergänger. Sie kommen und gehen, blicken dem Schreibenden über die Schulter. Ein Bild wie von Goya. Sie lassen sich nicht abweisen, besetzen seine Vorstellungen, sind Sendboten aus der Vergangenheit, Teil seiner Geschichte. So holt er herauf, was abgesunken war, Stimmen von einst, Ereignisse, Landschaften.

„Alle Zeit“, zitiert er Einstein, dessen Landhaus im nahen Caputh zu besichtigen ist, „ob Vergangenheit oder Zukunft, ob in der Wirklichkeit oder der Phantasie, ist reine Gegenwart.“ Nur ein Wimpernschlag trennt ihn von seinem Geburtsort, dieser „Mörderhöhle“, so seine nächtliche Obsession. Ist ihm nicht dieses Päckchen zugespielt worden, nachdem die Zentrale der Staatssicherheit gestürmt worden war? Das Päckchen mit Notizen seines Taufpaten, der ein politischer Häftling war und den man in der psychiatrischen Anstalt schreiben ließ bis zum letzten Tag, damit der Stasi nichts entging? Und sogleich sieht er das Kind, das er war, wie es aus der Schusterwerkstatt seines Taufpaten kommt.

Schritt für Schritt exponiert so Frank Werner seinen Roman „Haus mit Gästen“, seinen ersten nach den Erzählungen „Der Anfang der Wildnis“ (1981) und „Herzland“ (1982) und dem Gedichtband „Die Päppelchaussee“ (1990). Gleich auf den ersten Seiten macht er klar, worauf es ihm ankommt: Jetzt, wo die Grenzen beseitigt sind und die Gräben, scheint es, eingeebnet, sind wir frei für die Mühen der Rekonstruktion, muß die Vorgeschichte ungeteilt zugelassen und geduldig nach biographischen Zusammenhängen gesucht werden. So geht der Berliner Frank Werner die Wege noch einmal – auf Sangerhausen, wo er 1944 geboren wurde, auf jene sehr deutsche Landschaft zu, die Einar Schleef in seinem „Gertrud“-Epos schon kenntlich gemacht hat.

Doch sosehr Werners Erzähler auch nach Zeichen sucht, er findet nur aufgelöste und zersplitterte Zusammenhänge. Er kann die nächtlichen Gäste nicht kommandieren, nicht Regie führen, kann weder die Dinge entwickeln und ableiten noch ein Kontinuum behaupten, wo lauter Risse sind. Eine aktuelle Erfahrung. Und es ist schon außerordentlich, wie virtuos Frank Werner dieses Dilemma überspielt: durch Erinnerungsschübe, abrupte Szenenwechsel, Überblendungen, Sprünge vom Jetzt ins Früher, Stimmen und Gegenstimmen. Indes haftet seinem Roman dadurch auch etwas Ungefähres an, etwas Skizzenhaftes, nur Anerzähltes. Vieles ist nur Schatten „unter dem zugefrorenen Zeitsee“.

Dabei steht einiges auf dem Spiel. So kreisen die Erinnerungen immer wieder um Arthur, den Taufpaten. Die Gestapo hatte ihn abgeholt, aber er kam „zur allgemeinen Verwunderung“ der Leute in Hainbrück „ins Leben“ zurück. Er übernimmt nach dem Krieg den Vorsitz im Antifa-Ausschuß und wird ein unbequemer Mahner und bald zur Heimsuchung für das Dorf. Jemand denunziert ihn wegen angeblicher Sabotageakte gegen Volkseigentum und Einrichtungen der Partei, Das Dorf ist „die Plage“ los. Er wird in die Psychiatrie eingeliefert, wo man Mittel hat gegen antisozialistische Gesinnung. Dort trifft er auf einen Arzt, der im Krieg am Menschen experimentierte und untergetaucht war. Heute, nachdem die Archive geöffnet sind, kann er enttarnt werden, ein alter Mann mit falschem Namen und freundlichem Gesicht.