Von Christoph Türcke

Mitte des vorigen Jahrhunderts, unter dem Eindruck der industriellen Revolution, beschrieb ein heute kaum mehr gelesener Autor die moderne Gesellschaft so: Sie "kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren". Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände zeichne sie aus. "Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen." (Karl Marx)

Das war durchaus optimistisch gemeint: Je mehr die bestehende Gesellschaft sich umwälzt, desto weniger hält sie es bei sich aus. So ist sie selbst schon der Vorbote einer besseren, trägt selbst schon das revolutionäre Prinzip in sich, dem sie erliegen wird, wenn die Menschen es bewußt, "mit nüchternen Augen" aufgreifen und gegen sie mobilisieren. Was aber, wenn die Menschen den Zwang, "ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen", nicht aushalten?

Dann entsteht Fundamentalismus: der Versuch, entwurzelten, verunsicherten Individuen seelischen Halt zu geben – durch Kittung eben der Fundamente, die am Zerbröckeln sind. Fundamentalismus beruft sich auf etwas, was erschüttert ist. Gerade deshalb besteht er mit solcher Heftigkeit darauf. Er will von Einwänden gegen seine Überzeugungen nichts wissen, weil er sie selbst nur allzu schmerzlich verspürt. Er ist das angestrengte Dementi seines eigenen Zweifels, ein von Unglauben durchsetzter Glaube, daher nicht nur eine Flucht vor der Moderne, sondern eines ihrer typischen Gesichter.

Drastisch zeigte das 1. Vatikanische Konzil, was Fundamentalismus ist, als es sich 1870 zu dem Dogma durchrang: Der Papst, wenn er "ex cathedra" Lehrentscheidungen verkündet, ist unfehlbar. Welch naiver, übertriebener Glaube! empörten sich viele Zeitgenossen. Das Gegenteil war der Fall. Eine Religion, die die Unfehlbarkeit ihrer Lehrsätze zum Lehrsatz erhebt, verfährt nach dem Motto: Paragraph 1: Der Lehrer hat immer recht. Paragraph 2: Sollte der Lehrer einmal nicht recht haben, so gilt Paragraph 1. Sie hat Unfehlbarkeit nötig, weil sie spürt, wie fehl sie geht. Sie traut ihren eigenen Lehrsätzen nicht über den Weg. Der sich selbst nicht wahrhaben wollende Unglaube an die Überzeugungskraft der Dogmen ist es, der sich im Unfehlbarkeitsdogma ausspricht, und er war auch schon am Werk, als die Kurie sechs Jahre zuvor den "Syllabus errorum" erließ, ein Verzeichnis von achtzig "Irrtümern" in Religion, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft: Lehren, die mit der christlichen unvereinbar waren und daher nicht wahr sein durften.

Wo der Glaube sich, um gläubig zu bleiben, die Auseinandersetzung mit Geistern wie Kant, Marx, Darwin, Freud verbietet, da ist er bereits vom Unglauben durchnagt. Er weiß, daß er ihnen nichts Wesentliches entgegenzusetzen hätte. Und so ist der Versuch der Kurie, der "verschmitzten Menschenklasse der Modernisten" mit einem "Antimodernisteneid" das Handwerk zu legen, den sie seit 1910 Theologieprofessoren, Beichtväter, Prediger schwören ließ, eine der Frühblüten des Fundamentalismus: eines Glaubens, der nicht bloß behauptet, was er nicht weiß, sondern sich wider besseres Wissen behauptet.

In dem Maße, wie er das offen tut, ist er gewissermaßen ehrlich. Es gibt freilich auch einen Fundamentalismus, der sich dadurch zu behaupten versucht, daß er behauptet, keiner zu sein – und insofern tatsächlich zu der "verschmitzten Menschenklasse der Modernisten" gehört, die so tut, als könne die ganze Galerie der großen Religionskritiker von Helvetius bis Freud dem Christentum nichts tun. Weil keiner dieser Autoren unfehlbar war – an jedem gibt es etwas auszusetzen –, kann auch keiner von ihnen die christliche Lehre am Nerv getroffen haben. Weil keiner von ihnen das letzte Wort über die Religion hat, hat die Religion das letzte Wort. Daher: Nicht vor ihnen fliehen, sondern von ihrem Scharfsinn lernen und ihn gegen sie kehren, mit avanciertesten Mitteln der Aufklärung die volle Aufklärung über die Religion verhindern. Das ist die Methodologie des theologischen Modernismus bis heute.