Von Barbara Gaehtgens

Während in Amsterdam die große Rembrandt-Ausstellung ihre zweite Station erreicht hat und der zweibändige Katalog als Kompendium neuester Forschung reißenden Absatz findet, während Rembrandt-Experten aus aller Welt auf Colloquien ihre neuesten Ergebnisse austauschen, fragt sich nicht nur der kunstinteressierte Laie: Muß eigentlich Forschung auch immer Fortschritt bedeuten? Ist es wichtig, sich auf der Höhe gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnis zu bewegen – oder hat ein Werk, das auch ohne alle begleitende Wissenschaft auftritt, nicht seine aktuelle Berechtigung?

Die Rede ist von einem Rembrandt-Buch des Wiener Kunsthistorikers Otto Pächt (1902 bis 1988), das im Wintersemester des Jahres 1971/1972 als Vorlesung entstand und nun, zwanzig Jahre später, mit Illustrationen und einem Vorwort von Artur Rosenauer versehen, von Edwin Lachnit und Michael Pächt als aufwendige Publikation herausgegeben worden ist.

Otto Pächt, bedeutender Vertreter der Wiener Schule der Kunstgeschichte, ist vor allem als Spezialist mittelalterlicher Buchmalerei und niederländischer Malerei des 15. Jahrhunderts berühmt geworden. Er verstand es besonders, durch virtuose Stilkritik und ikonographische Fragestellungen Kunstwerke so zu analysieren, daß sich allein aus ihrer intensiven Beschreibung der Weg zu einer Deutung ergab. Gleichzeitig hat er in seiner Methode nie die Tradition zu den Vorgängern der Wiener Kunstgeschichte, zu deren Mittelpunkt er nach der Rückkehr aus der Emigration wurde, abreißen lassen. Auf Alois Riegl berief er sich, wenn er immer wieder das „Kunstwollen“ beschwor, womit er sowohl die geschichtliche oder nationale Bedingtheit wie auch die individuelle Leistung im Schaffensprozeß eines Künstlers meinte. Ein „Zug ins Universale“, der ihm wie manch anderem Vertreter seiner Generation nachgesagt worden ist, hat ihn aber auch dazu befähigt, Strukturanalysen großer Kunstbereiche vorzutragen, zu denen Forschern heute oft Überblick und methodisches Selbstbewußtsein fehlen.

Als Pächt 1971 seine Rembrandt-Vorlesung begann, gestattete er es sich, aus dem strengen inhaltlichen und methodischen Kontext seiner Kunstgeschichtsforschung herauszutreten und das zu tun, was gerade bedeutende ältere Vertreter der Kunstgeschichte immer wieder ans Ende ihrer Karriere zu stellen suchen: Die Auseinandersetzung mit einem großen Künstler. Alter, Lebenserfahrung und die Forschungsleistung legitimieren dabei eine sehr persönliche Analyse der künstlerischen Leistung. Und so weisen bereits die Überschriften zu den einzelnen Kapiteln („Das Holländertum Rembrandts“, „Rembrandts Erzählkunst“, „Das Helldunkel, das innere Sehen und die Stimme malen“) Pächts Buch als ein Werk aus, das ganz offensichtlich mit der neuesten Forschung nicht in Konkurrenz treten möchte, sondern ganz andere, selbstbestimmte Problemstellungen verfolgt.

Ist man also in der neuesten Rembrandt-Literatur auf den Maler als Unternehmer, als Antiklassizist, als Werkstattbesitzer und Lehrer, als Amsterdamer Bürger im Kontext seines sozialen Umfeldes fixiert, so spielen diese Fragen bei Pächt gar keine Rolle. Es mutet dabei schon merkwürdig an, daß alle fachlichen Aufgeregtheiten und Positionskämpfe in der Rembrandt-Forschung der letzten zwanzig Jahre in diesem Werk gar keine Erwähnung finden.

Aber wie könnten sie auch! Denn Pächts Rembrandt-Buch ist ein Werk avant la lettre, ein Buch, das unmittelbar vor der Zeit entstand, als sich jüngere Forscher daran begaben, das Rembrandt-Bild zu revidieren und das Œuvre auf seinen wahrscheinlichen Bestand zu reduzieren. So sind bei Pächt noch dann und wann Gemälde und Zeichnungen aufgeführt, die mittlerweile abgeschrieben wurden. Sehr behutsam ist in den knappen Anmerkungen darauf hingewiesen worden. Die Frage bleibt aber bestehen: Muß ein jetzt erscheinendes Rembrandt-Buch auch den neuesten Stand der Forschung vertreten, um überzeugen zu können?