Von Johannes Winter

Es gibt“, schreibt der Filmemacher Luis Buñuel in seinen Memoiren („Mein letzter Seufzer“), „in verschiedenen Orten Aragoniens einen in der Welt vielleicht einzigartigen Brauch, das Karfreitagstrommeln.“ Etwa in Höhe des Ebrodeltas liegt hinter den Bergen der Küstenkordillere Maestrazgo eine Gegend, die nicht gottverlassen, aber fern allen Tourismus ist. Die Mandelbäume blühen, es wird Frühling. Silbrig glänzen die Olivenbäume. Das Öl aus ihren Früchten gilt als das beste unter der Sonne.

Im Parador „La Concordia“, dem staatlichen Luxushotel im Kastell hoch über der Kreisstadt Alcaniz, liegen bunte Prospekte aus. Das Städtchen wirbt für die „ruta del tambor y del bombo“, für die Straße der Trommeln: Neun Orte verheißen den Besuchern alljährlich zur Karwoche, drei Tage vor Ostern, eine Trommelorgie. „Nirgends“, schreibt Buñuel, „geschieht es mit einer so geheimnisvollen und unwiderstehlichen Kraft wie in Calanda.“ Er muß es wissen. Buñuel wurde im Jahre 1900 in Calanda geboren.

Der dreieckige Platz zwischen Kirche, Kneipe, Rathaus und der wunderschönen Buñuelschen Jugendstilvilla mit ihrem für Aragon typischen holzgeschnitzten Giebel füllt sich. Es ist Karfreitag, kurz vor dem Mittagsläuten um zwölf Uhr. Aus den Gassen strömen Menschen in violetten Gewändern und Kapuzen herbei, Frauen und Männer, Kinder, Jugendliche und Alte mit einer Trommel vor dem Bauch. Es mögen an die tausend Träger des Instruments sein, das für die nächsten 26 Stunden den Ort mit seinem Dröhnen erfüllen wird.

Dicht an dicht stehen sie, manche bilden einen engen Kreis, sie gehören einer Gruppe an aus zehn kleinen und zwei großen Trommeln. Inmitten der Menge ist der Taktgeber mit einer Riesentrommel von annähernd zwei Meter Durchmesser zu erkennen. Den besten Überblick bieten die Balkons der angrenzenden Häuser.

Ich stehe auf der steinernen Bank längs der Kirche. Auf ihr saßen zu Buñuels Kindertagen jeden Freitag die Ärmsten des Dorfes, um aus der Hand eines Buñuelschen Dienstboten ihr Almosen, ein Stück Brot und eine Münze, entgegenzunehmen.

„Beim ersten Glockenschlag legt sich ein gewaltiges Geräusch, wie ein lang rollender Donner, über das Dorf“, so war es zu Buñuels Zeiten. So ist es auch heute noch, das Ritual der rompida oder des romper la hora. Entlang der katholischen Liturgie bewegen sich die Gläubigen zwischen atavistischem und religiösem Brauchtum. Sie brechen das Schweigen angesichts des Todes von Jesus Christus, sie übertönen die Glocken der Kirchenuhr, ersetzen sie. Und sie wollen den Tod bannen. Die Nacht hindurch bis zum Mittag des nächsten Tages trommelt sich der Ort in einen kollektiven Erregungszustand. Der Kaufmann im Zeitungsladen nennt die Trominelei eine Droge Daß in einer Live-Reportage aus Calanda, die das spanische Radio überträgt, vom Umweltproblem Lärm die Rede ist, versteht er nicht.