Als Indira Gandhi am 31. Oktober 1984 morgens um neun Uhr ermordet wurde und die Extrablätter schon am Mittag auf den Straßen waren, brauchten der indische Rundfunk All India Radio und das staatliche Fernsehen Doordarshan mehr als zwölf Stunden, um einen Verantwortlichen zu finden, der die Nachricht zur Sendung freigab.

Die Ermordung Rajiv Gandhis im vergangenen Jahr meldete das deutsche Fernsehen zwei Stunden früher als das indische. Als fanatische Muslime die umstrittene Moschee in Ayodhya stürmten und es Tote und Verletzte gab, berichtete Doordarshan, alles sei ruhig und friedlich.

Bloß nicht schnell oder gar professionell und, bitte sehr, schon gar keine heißen politischen Themen – das ist die Devise der Bürokraten und Zensoren. Tag für Tag machen sie eines der langweiligsten und technisch minderwertigsten Programme der Welt. Gewiß, ein Zehn-Sekunden-Clip aus dem fernen Nagorni-Karabach oder aus dem noch ferneren Jugoslawien huscht schon mal über den Bildschirm, aber niemals ein militanter Kaschmiri oder ein aufständischer Sikh aus dem eigenen Land.

Wer bisher wissen wollte, was in Indien vor sich ging, mußte zum Radio greifen, um BBC zu hören. Mit solchen Lächerlichkeiten wie Informationen will sich der Staatssender nicht aufhalten. Das indische Fernsehen hat größere Aufgaben. Erstens: die Regierung preisen, zweitens: Indien glorifizieren, drittens: Nachrichten und Meinungen von den Massen fernhalten. Das dumme Volk kann sie doch nicht verstehen.

Die tönende Wochenschau für den heimischen Videorecorder, angeboten von privaten Produzenten, wenngleich ebenfalls nicht unzensiert, verkauft sich deshalb blendend. Bis vor kurzem war sie aus einem Mittelklassehaushalt kaum noch wegzudenken.

Doch dann bescherte der Golfkrieg auch Indien CNN. Das beunruhigte allerdings die Politiker so, daß sie allen Ernstes überlegten, mit Hilfe eines Störsenders den Empfang ausländischer Fernsehprogramme zu verhindern. Das Palaver mündete gar in Panik, als quasi über Nacht überall an den Häusern der Mittelklasse das neue Statussymbol Satellitenschüssel auftauchte. Die ersten kleinen Schüsseln, wie sie hierzulande üblich sind, gibt es auch schon.

Fast über Nacht war Indien angeschlossen an das globale Informations- und Unterhaltungsnetz mit all seinen schädlichen, weil unzensierten Sendungen. Schlimmer noch: Nun bekommen die Inder all das live zu sehen, was sie früher nicht sehen sollten, den Kastenkrieg in Binar ebenso wie Hungertote in Madhya Pradesh oder, entsetzliche Vorstellung, Interviews mit der politischen Opposition.