Lieber Günter de Bruyn,

bei den durchaus gängigen, meist eitlen Selbstbespiegelungen von Schriftstellern sollten wir uns trotz allem doch immer bemühen, nicht zu viel Boden unter den Füßen zu verlieren und uns allzu selbstvergessen der eigenen Verklärung hinzugeben, vor allem wenn noch so viele Zeugen am Leben sind.

Ich zweifle nicht an Ihrer Integrität. Aber wie Sie Kollegen einordnen, die die ehemalige DDR verlassen haben, verlassen mußten, weil ihnen schlichtweg die Luft zum Atmen abgedreht wurde, da offenbaren Sie eine erschreckende Leichtfertigkeit oder – was noch schlimmer wäre – eine ausgestellte Ahnungslosigkeit. Die da gingen, gehen mußten, gegangen wurden, waren – nach Ihren Worten in dem Welt-Interview – nicht mehr „Mitleidende“. Mich erinnert das erschreckenderweise an den Satz, der nach 1945 in Deutschland kursierte: „Allen Emigranten ging es draußen und zu jeder Zeit besser als denen, die da drinnen so eisern ausgeharrt und gelitten haben.“

Welch ein Irrtum für einen Autor Ihres Jahrgangs, der hätte nachfragen und nachlesen können, wie den Davongegangenen, den Davongetriebenen, den Rausgeekelten, zum Teil auch den Rausgekauften zumute war. Dieses von Ihnen bewußte Verschweigen oder Verdrängen von erhaltenen Informationen und Mitteilungen macht mich betroffen. Da fällt in dem Interview der Satz: „... Jürgen Fuchs, Reiner Kunze, Wolf Biermann und Erich Loest waren nicht in der DDR geblieben...“ Sind Sie sich sicher, daß die von Ihnen Genannten tatsächlich nicht geblieben wären, wenn sie gekonnt hätten?

Als kleine Nachhilfe: Keinem einzigen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis (dazu gehören nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schauspieler) ist es leichtgefallen, das Land zu verlassen. Die allermeisten fingen bei Null an, es gab keinen Umtausch eins zu eins oder eins zu zwei. Und vor dem Entschluß – gehen oder bleiben – gab es unzählige Gespräche, Überlegungen, Befragungen, Zweifel, gehetzte Tage, schlaflose Nächte. Und die Ängste (vor einem Irrtum) blieben jahrelang, vor allem die Frage: Wovon morgen ohne Rücklage leben? Davon ist offensichtlich nichts bis zu Ihnen gedrungen.

In dem Welt-Interview sagen Sie auf die Frage, ob Sie jemals daran gedacht hätten, die DDR zu verlassen: „In den letzten Jahren (pardon, aber woher wußten Sie, daß es sich um die „letzten Jahre“ der DDR gehandelt hatte?) kam noch eine Art Verantwortungsgefühl hinzu, ich fand, daß man aus- und durchhalten müßte, die Leser in der DDR nicht im Stich lassen dürfte. Ich stellte fest, daß in dem Augenblick, in dem kritische Autoren die DDR verließen und also nicht mehr Mitleidende waren, sich das Verhältnis der Leser zu ihnen veränderte. Sie fühlten sich in gewisser Weise von den Autoren verraten.“

Mit Verlaub, aber hier verfallen Sie – vielleicht unbewußt – in das dogmatische Vokabular der SED, die ja ebenfalls behauptete, daß alle „Davongegangenen“ die DDR verraten hätten. An wen, verehrter Günter de Bruyn, fühlten sich nach Ihrer Meinung denn die Leser verraten? Hätten Sie wenigstens „allein gelassen“ gesagt, wäre das noch honorig gewesen. Aber Verrat? Dieses Wort hat besonders in Deutschland eine vernichtende Wirkung, also ist äußerste Vorsicht im Umgang damit angeraten.