Ein Israeli auf den Spuren der Mörder seines Volkes: Der junge Tom Segev übernahm Anfang der siebziger Jahre die Aufgabe, die Geschichte der obersten KZ-Schergen zu schreiben. Dazu mußte er nicht nur Berge von Archivalien wälzen, sondern die überlebenden Täter oder deren Verwandte aufspüren und zum Reden bringen. In vieljähriger qualvoller Arbeit hat er manches ans Licht gebracht, was die Historiker bisher wenig beachtet hatten. 1977 erschien Segevs Dissertation – wie bei wissenschaftlichen Arbeiten meist – unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Der Jerusalemer Verlag Domino Press drängte den Autor, eine populäre Fassung vorzulegen. Sie ist 1988 in den USA und nun als Taschenbuch bei uns erschienen. Die im Vorwort erwähnte Umarbeitung hat sich offenbar darauf beschränkt, Ballast abzuwerfen. Die Berücksichtigung neuer Erkenntnisse unterblieb dagegen leider, was aus der zitierten Literatur zu ersehen und an Einschätzungen wie etwa zur Wannsee-Konferenz zu merken ist. Noch bedauerlicher: Gravierende Fehler wurden nicht behoben, manche schiefe Darstellungen nicht geradegerückt. Es sind im Gegenteil bei der Übertragung ins Deutsche neue Schnitzer entstanden, die bei solchem Thema besonders schmerzen, weil sie den Verdrängern unnötig wohlfeile Munition liefern.

Paradoxerweise spiegelt sich in den Ungenauigkeiten auch eine Stärke des Buches: Nichts ist hier zu spüren von der gern mit Objektivität verwechselten akademischen Dürre. Gerade da, wo Segev von Begegnungen mit Tätern oder ihren Anverwandten berichtet, entsteht durch unbekümmertes Herangehen richtiggehend Spannung. Und obgleich es hier – wohl auch wegen der Rückübersetzung der deutschen Interviewtexte – sprachlich holpert, kommt man dem Ungeist der Zeit nah.

Dabei sind es natürlich keine Offenbarungen, die Segev in den Gesprächen erfährt, im Gegenteil: Wie erwartet, sind immer die anderen schuld gewesen oder die Umstände oder die Häftlinge – nie aber die „Idealisten“, die mit ihrem Einsatz in den Quällagern des „Dritten Reiches“ einer guten Sache zu dienen glaubten. Das geht bis zu grotesker Realitätsverleugnung, etwa bei Johannes Hassebroek, dem Kommandanten von Groß-Rosen in Schlesien: „Alles, was ich über Greueltaten in Groß-Rosen weiß, habe ich doch im Laufe verschiedener Strafverfahren, die gegen mich gelaufen sind, erfahren.“ Und selbst ein Rudolf Höß, Meister der Todesfabrik Auschwitz, war sich nach dem Kriege keiner Schuld bewußt.

Auch die Biographien, die Segev aus den Personalakten und Gerichtsunterlagen rekonstruiert, bergen kaum Überraschungen. Doch gerade die erdrückende Durchschnittlichkeit des terroristischen Mittelbaus im NS-Regime nimmt dem Unbegreiflichen den Nimbus der Einmaligkeit. Hitlers Herrschaft wäre nichts gewesen ohne die „Soldaten des Bösen“, wie Segev die KZ-Wächter nennt. Weit treffender etikettierte Alfred Kerr das Hakenkreuzreich schon 1934 als „Diktatur des Hausknechts“, in der „ein Gemisch menschlicher Roheit mit grundsätzlicher Lüge“ herrschte. Nach der Lektüre Segevs weiß man: Die Lüge jedenfalls hat überlebt. Friedemann Bedürftig

  • Tom Segev: Die Soldaten des Bösen

Zur Geschichte der KZ-Kommandanten; aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid; Rowohlt-Taschenbuch Verlag, Reinbek 1992; 285 S., 16,80 DM