Von Hubert Winkels

Eine der Schwierigkeiten, die Jahre der Naziherrschaft und der Verbrechen an den Juden im Roman zu fassen, bezeichnet schon der Ausdruck „Unzeit“ für diese Epoche. Die historische Ordnung ist gesprengt, das Geschehene hat den Bezug zum Vorstellbaren verloren, es markiert einen Riß in der Geschichte und einen Riß in vielen einzelnen Biographien, auch denen der Nachgeborenen. Die Fiktion, die diesen Riß auszumessen versucht, muß dem Unverfügbaren Tribut zollen. Tut sie es nicht aus eigener Kraft, wird sie von ihrem Gegenstand abgestoßen. Beschwört sie andererseits das Unfaßbare in mythischen Bildern und surrealem Bombast, verfehlt sie allzuleicht die konkreten Schicksale, um die es dem Roman immer auch geht.

Robert Schindel hat seinen ersten Roman ganz der Spannung zwischen unserer Gegenwart und jener Unzeit ausgesetzt. Einer Spannung, die sich in jeder einzelnen seiner jüdischen und nichtjüdischen Figuren austrägt. Seine Helden sind ganz und gar von dieser Welt, von Lebenslust und Liebeslist umgetrieben, tief, vielleicht unheilbar verletzt, zugleich aber so leidenschaftlich gegenwärtig, so plastisch diesseitig, daß selbst ein Leser, der an den Abgrund gar nicht so nahe herangeführt werden will, mit interessiertem Wohlgefallen die Schicksale verfolgt.

Ganz gegenwärtig also sind sie alle, und alle stehen sie auch im Zeichen einer anderen Zeit, die sie zu Tätern oder Opfern, Täter- oder Opferkindern gemacht hat. Das meint der Titel „Gebürtig“. Die Herkunft trennt, und sie ist zugleich das prekäre Medium der Vermittlung zwischen den jüngeren Juden und Nichtjuden in Deutschland und Österreich. Der Roman des 48 Jahre alten Wiener Juden Robert Schindel exponiert den Abstand, herausfordernd direkt und selbstbewußt, und zugleich läßt er die Sehnsüchte, Ängste, Neigungen und Begierden hinüber- und herüberwechseln, doch niemals ohne Vorbehalt. Der Lyriker Schindel hat ihn am Ende des Prologs in Verse gefaßt: „Weit im Himmel das Luftgrab / Der sechs Millionen Lämmer / Das Doppellamm fragt jetzt um Rat / Das Land der Söhne, Land der Hämmer.“

Der umfangreiche Romanerstling ist glänzend, man möchte sagen professionell komponiert; und um nicht den Eindruck eines überkomplexen Monstrums bei einem ohnehin überschwer lastenden Thema hervorzurufen, sagen wir gleich dazu, daß Leichtigkeit eine der Tugenden des Erzählers Schindel ist. In „Gebürtig“ wird viel, leidenschaftlich und genau erzählt, die diversen Geschichten werden mehr von der Substanz des Themas als von den Handlungsmotiven her miteinander verknüpft, und diese Verknüpfung ergibt über alle Brüche und Sprünge hinweg ein lockeres, gleichwohl dichtes Gewebe.

Im Wien der achtziger Jahre pflegen die Zwillinge Danny und Alexander Demant ein leicht bohemehaftes Kaffeehausleben. Ihre Berufe sind entsprechend: Danny ist Lektor und brütet, wenn er nicht gerade von Lust und Liebe entflammt ist, über einem dicken Manuskript zur österreichischen Sozialdemokratie oder über dem Text seines Freundes Emanuel Katz, der von der Vorgeschichte eines Naziverbrecherprozesses gegen den „Schädelknacker“ aus dem KZ Ebensee, Anton Egger, handelt. Alexander ist Schriftsteller und schreibt zu großen Teilen das, was wir gerade lesen. Er ist also nicht nur eine der Figuren, sondern auch einer der Erzähler des Romans, von seinem Zwillingsbruder gewissermaßen dazu beauftragt, weil der mitten im Wiener Leben steht und also zum souveränen Schreiber nicht taugt. (Mitten im Roman muß Alexander seinem Bruder den Erzählerstab allerdings kurzfristig zurückgeben: die Liebe hat ihn erwischt.)

Danny und Alexander Demant sind Juden, etwa um die vierzig, und Danny zumal hat einige Liebeshändel auszutragen, die ihn mal mit Wilma nach Venedig, mal mit Christiane Kalteisen in die österreichische Provinz führen – und mit Liebeskummer regelmäßig in den Wiener Szenetreff, in den „Zeppelin“.