Von Fredy Gsteiger

Der Paradiesvogel von gestern ist zur grauen Maus von heute geworden. Oberst Muammar al-Ghaddafi, der – je nach Standpunkt – verrückte, romantische oder weise Führer Libyens, ist nicht mehr der alte. Vor allem: Er flößt kaum noch jemandem Angst ein.

Die provozierende Rhetorik, die revolutionäre Lyrik – allenfalls vor heimischem Publikum fällt er im Überschwange in sie zurück. Vor der Welt aber führt er nur noch das Wort Völkerrecht im Munde. Gewiß, es habe Zeiten gegeben, in den siebziger Jahren, "da haben wir alle Befreiungsbewegungen unterstützt, ohne zu wissen, ob sie nun mit terroristischen Mitteln operierten oder nicht". Lange liegen diese Zeiten zurück.

Inzwischen hat der eitle Oberst, der es sich nie nehmen ließ, auf arabischen Gipfeln mit viel Pomp und vor allem mit viel Verspätung aufzukreuzen, die Paria-Rolle satt. Für eine machtvolle Außenpolitik fehlt ihm überdies das Geld. Schließlich verschlingt allein sein Projekt des "großen, von Menschenhand geschaffenen Flusses", eines "achten Weltwunders", rund vierzig Milliarden Mark. Und die libyschen Erdölreserven scheinen nicht unerschöpflich.

Sein Land, früher von ihm als Prototyp für die "Ära der Massen" gepriesen, bezeichnet Ghaddafi heute kleinlaut als "bescheidenes Land mit bloß vier Millionen Einwohnern". Der jüdische Staat heißt nun auch bei ihm Israel und nicht länger "die zionistische Einheit". Den nahöstlichen Friedensprozeß verteufelt er nicht länger als "arabische Erniedrigung".

Und liebend gerne würde er mit den Vereinigten Staaten ins Gespräch kommen – und damit die für Libyens Wirtschaft so schädlichen Sanktionen durchbrechen. "Eigentlich sind wir alle Amerikaner", meinte Ghaddafi kürzlich gar; schließlich hätten auch Araber die Vereinigten Staaten mit aufgebaut. Und für Präsident George Bush und Außenminister James Baker fand er jüngst in einem Interview nur lobende Worte.

Seit Ronald Reagans Luftangriffen im April 1986 auf die Hauptstadt Tripolis und die Hafenstadt Benghasi, die ihn selbst um ein Haar das Leben gekostet hätten, ist der Revolutionsführer nicht mehr das alte Großmaul. Nach 23 Jahren an der Macht hat er es wohl auch satt, sogar in den eigenen arabischen und muslimischen Reihen als Exot und unsicherer Kantonist zu gelten. Ghaddafi sehnt sich nach Rehabilitierung.