Die Geschichte beginnt 1958 in New York. Eine Grafikerin, Jahrgang 1913, ist fasziniert von den Verkehrszeichen der Stadtautobahnen. Kurz zuvor, in Zürich, hat sie ein wissenschaftliches Buch über Genetik illustriert. Noch beschäftigt sich die Künstlerin mit der Frage, wie komplexe Zusammenhänge und Erkenntnisse bildlich umzusetzen sind, da erlebt sie die Kraft der Pfeile und Signale. Sie sind klar, schön, wirkungsvoll. So müßte man Geschichten erzählen. Warum nicht Literatur in diese Sprache übertragen?

Warja Lavater, die Schweizerin in New York, nimmt einen blauen Punkt für Wilhelm Teil, ein rotes Dreieck für Landvogt Gesslers Hut. Braune Punkte bilden die Volksmasse, grüne den Wald. Mit diesen Zeichen beginnt sie ein kleines Faltbuch zu füllen, das sie für wenig Geld in Chinatown kauft. Heute sind diese Leporellos geradezu zum Markenzeichen Warja Lavaters geworden. Sie nennt sie foled stories und bezeichnet sich gelegentlich als Bildstellerin.

„William Tell“ erscheint 1962. Als Verlag fungiert kein geringerer als das Museum of Modern Art. Noch stellt die Künstlerin ihre Zeichen realitätsnah in den Raum. Oben und unten entsprechen vorne und hinten. Noch zeigen kleiner werdende Punkte, daß sich die Volksmenge in der Ferne verliert: Orientierung an einer gewohnten Perspektive, die den Einstieg ins Bild erleichtert. Auch die Chiffren selbst bleiben nahe an unseren Sehgewohnheiten. Armbrust und Pfeil sind figürlich, und aus dem grauen Rechteck der Zwingburg-Chiffre ragt ein Turm heraus. Dennoch, zwei Freiheiten nimmt sich die Grafikerin heraus: Die Formen erscheinen so sehr reduziert, daß ihre Gestalt dieselbe ist, ob von oben oder von der Seite betrachtet. Dafür variiert die Größe dieser Signale nach ihrem Erzählgewicht, wird etwa der pfeildurchbohrte Apfel zum seitenfüllenden Blickpunkt.

Warja Honegger-Lavater (die ersten Werke firmieren noch unter diesem Namen) überlistet mit ihrem Signalkode allen patriotischen Kitsch. Mit einem Mal ist der Schütze wieder Archetyp. Die kargen Zeichen, mögen sie noch so sehr an Kunstströmungen der ersten Jahrhunderthälfte erinnern, sind nicht einfach nur „modern“. Sie wirken zeitlos und – weitgehend auch – kulturübergreifend.

In „Rotkäppchen“ (1965) repräsentiert der blaue Punkt die Großmutter. Jedes Kind kann sich da nach eigenem Bedürfnis hineinfühlen. Jetzt tauchen alle Figuren nur noch als Punkte auf, ganz von der Farbe getragen und – perfekter, was die Textur der Geschichte betrifft – in einen kontinuierlichen Ablauf gebettet. Ein durchkomponiertes Leporello stellt hohe Ansprüche: Doppelseiten müssen sich auch in falzübergreifende Gestaltungen einfügen.

Seither „chiffriert“ Warja Lavater Märchen, Legenden sowie klassische Stoffe und gelegentlich auch eigene Parabeln. Figuren werden zu Punkten, Dreiecken, Wirbeln und Kreisen. Sie agieren, variieren und machen immer wieder Lust, der Spur der Geschichte zu folgen. Das De-Chiffrieren, der Lesevorgang, wird zum aufregenden Spiel. In Frankreich gibt es Schulen, an denen Kindern mit Hilfe dieser Zeichenkodes der Schritt zum Alphabet erleichtert wird. In Deutschland lagert dafür fast das komplette Werk von Warja Lavater als „Künstlerbücher“ in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Verlegt wurden die meisten Imageries (Bilderbogen) und Leporellos seit 1965 bei der renommierten Pariser Galerie Maeght – zwischen Calder und Miró.

Zeit, ein Zeichen zu setzen für ein Werk, das auf Zeichen setzt. Zeit, den Kunstanspruch des Bilderbuchs an Warja Lavater zu messen. Ist Kunst für Kinder etwas, das „wie gemalt“ daherkommt? Ist sie näher am „großen Querformat über’m Sofa“ als am visuellen Experiment? Oder ist Kunst für Kinder jene Kunst, die Neugierde weckt, Nachdenken fordert, neues Sehen abverlangt? Kunst für Kinder, die erzählt, was Generationen schon erzählten, wird zum Bindeglied zwischen den Generationen. So betrachtet erscheint es geradezu folgerichtig, daß die Künstlerin irgendwann eine Geschichte des Alphabets, in diesem Fall ihre private Mythologie der Laute und Buchstaben, entwickelte. „Spectacle – un pictoson mural“ läßt sich vertikal entfalten, aufhängen. Der Text auf der Rückseite – wie immer mehrsprachig – ist diesmal unverzichtbar für das Verständnis. Die Komplexität ist größer denn je, die Geschichte neu ... und doch organisch alt: Linien, frei Formen bildend, schweben im Raum. Ein Urschrei zerreißt die Ruhe, zersplittert die Geraden und mündet in Klänge. Die Vokale – dargestellt als abstrahierte Lippenformen – bilden sich heraus und geben schließlich auch den Liniengruppen neue Lautgestalt. Nach und nach entstehen die Konsonanten. Die Geschichte, die wir entschlüsseln, ist weniger eine Erzählung als der Schlüssel zu allen Erzählungen. Wir lesen heraus, was Lesen bedeutet. Schriftlichkeit, der Schritt zu den Zeichen, von der Bildlichkeit zur Abstraktion der Buchstaben, wird hier bildhaft erzählt. Wahrhaft ein Mythos – rational und verspielt zugleich.