Dieser Brief des Schriftstellers Klaus Poche an den Schriftsteller Günter de Bruyn ist Ausdruck einer Erbitterung, die nicht jedem Leser verständlich sein mag, die aber einiges erklärt von den Schwierigkeiten der deutschen Vereinigung. Poche und de Bruyn sind fast gleich alt (Jahrgang 1927 und 1926), beide haben sie den Nationalsozialismus und den Kommunismus in Deutschland erlebt. Poche, der zu den Protestierenden gegen die Ausbürgerung Biermanns gehörte, wurde 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und lebt seit 1980 im Westen. De Bruyn blieb in der DDR und gilt als einer der kritischen Autoren, die (soweit irgend möglich) Distanz zum Regime hielten.

Günter de Bruyn, dessen autobiographisches Buch „Zwischenbilanz“ gerade von Kritik und Öffentlichkeit mit Beifall aufgenommen wurde, hat dieser Tage der Welt ein Interview gegeben, in dem er auf die Frage, ob er je daran gedacht habe, die DDR zu verlassen, antwortete: Er habe oft daran gedacht, habe es aber unter anderem aus einem „Verantwortungsgefühl“ nicht getan. Die Leser hätten sich von jenen kritischen Autoren verraten gefühlt, die „die DDR verließen und also nicht mehr Mitleidende waren“.

In dieser Formulierung klingt ein Vorwurf an, den nach dem Zweiten Weltkrieg die Zuhausegebliebenen an die zurückkehrenden Emigranten gerichtet haben: Diese hätten sich in der kalifornischen Sonne gebräunt, während jene in Luftschutzkellern gezittert hätten. Ein deutlich vernehmbares Echo dieses alten Konflikts kehrt jetzt wieder: im gegenwärtigen Konflikt zwischen jenen Autoren, die aus der DDR vertrieben wurden und seit Jahren im Westen leben, und jenen, die bis zuletzt in der DDR ausgeharrt haben. Auf beiden Seiten sind die Empfindlichkeiten groß. Die einen spüren die Kritik, dageblieben zu sein; die anderen die Kritik, nicht dageblieben zu sein. Zwischen beiden fällt Versöhnung schwer, wie schwer, das zeigt etwa der Streit um die Berliner Akademie der Künste Ost und West. – Da die Welt Poches Brief nicht drucken wollte, erscheint er an dieser Stelle. D.Z.