Medizinkritik hat immer Konjunktur. Aus einem einfachen Grund: Für jedes Unglück suchen wir Schuldige. Am tatsächlichen oder vermuteten Verlust von Gesundheit muß irgendwas oder irgendwer schuld sein. Umwelt und Streß, Bakterien oder Viren, Ärzte und Medizin bieten sich für die Rolle des Prügelknaben an. In verständlichem Selbstmitleid beklagen wir die Krankheit, die wir doch unter so großen persönlichen Opfern vermeiden wollten. Viele von uns müssen am Ende die traurige Wahrheit verkraften, die der französische Philosoph La Rochefoucauld so treffend formuliert hat: „Wer seine Gesundheit durch allzu strenge Lebensweise zu erhalten sucht, begibt sich damit in eine fortlaufende und langweilige Krankheit.“

Hat es damals etwa schon kämpferische Anti-Cholesterin-Kampagnen gegeben, die uns heute in der alltäglichen Lebensführung so verunsichern? Wohl kaum, aber subtilen Gesundheitsterror hat es zu allen Zeiten gegeben, beispielsweise durch den berühmten Satz vom gesunden Geist, der sich nur in einem gesunden Körper finde. Weniger mit Spott als mit wissenschaftlichem Rüstzeug hat sich Dieter Lenzen, Philosoph an der Freien Universität in Berlin, an eine Art Bilderstürmerei gemacht. Unseren neuen Ikonen geht er an den Kragen, jenen Zeitgeistern, die Wunder und allen Heilung versprechen, wenn sie nur folgsam ihren Lehren lauschen.

Ein Unterfangen, für das, so werden manche befürchten, ein Philosophieprofessor kaum gerüstet ist. Doch der Leser des anspruchsvollen, allerdings stellenweise etwas weitschweifigen Taschenbuchs wird bald merken, daß diese Sorge unbegründet ist. So gehört der Autor offensichtlich zu den engagierten Vätern, die auch etwas von der modernen Geburtsmedizin verstehen. Denn über die wahre geburtshilfliche Kunst, die heute leider oft zu einem puren technischen Unternehmen verkommen ist, kann man nie genug lernen. Das Wohlergehen von Mutter und Kind schlägt sich zunehmend in statistischen Parametern nieder, leider oft als Ersatz für verlorengegangenes Vertrauen. Azidoseziffern und Apgarwerte werden zur Beweissicherung dokumentiert, falls später gerichtlich die Frage entschieden werden muß, ob Schulversagen nicht eigentlich geburtshilfliches Versagen war.

Die Verbesserungen der geburtshilflichen Leistung verschweigt Dieter Lenzen genausowenig wie die unbestreitbare Tatsache, daß die „penetrierende Geburtshilfe“ fast alle werdenden Mütter ängstigt. Umfangreiche und oft kritiklos ausgedehnte Risikokataloge haben dafür gesorgt, daß sich nunmehr bei jeder zweiten Frau in guter Hoffnung böse Ahnungen für die Geburt einstellen. Der von manchen Ärzten geförderte Irrglaube, Risikofaktoren und Medizinstatistiken ermöglichten eine individuelle Voraussage, hat auch dazu beigetragen, daß Kaiserschnittoperationen immer häufiger werden. Die düstere Voraussage des früheren Jesuitenpaters Ivan Illich von der unaufhaltsamen Medikalisierung der Gesundheit bedroht uns alle.

Das wird auch deutlich durch die vielen kleinen und großen Offensiven in der Gesundheitsschlacht. Von den Zähnen bis zu den Füßen, vom regulierten Gebiß bis zum orthopädischen Schuhwerk wird gerungen um gesunde wohlfeile Natürlichkeit. Für aufwendige Untersuchungen zur Feststellung von Risikofaktoren spendiert der fürsorgliche Staat Riesenbeträge, allein im Fall der deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie machte er fast hundert Millionen Mark locker. Dies, obwohl jeder Raucher und Dicke längst weiß, daß rauchen und zuviel essen krankmachen können.

Aber wir Deutschen wollen gesund leben, auch wenn es schwerfällt. Kein finanzielles Opfer wird gescheut. Daß Gesundheitswahn auch geistig krankmachen kann, läßt sich trefflich bei jenen keineswegs seltenen Mitbürgern beobachten, die Krankheit als eigene Erfindung erleben.

Dieter Lenzen setzt die Akzente in der Beschreibung unseres unstillbaren Hungers nach Jugend und ewiger Gesundheit behutsam und vermeidet böswillige Verletzungen der zum Leben und Gedeihen notwendigen Naivität. Der eigentlich zur Gelassenheit mahnenden Botschaft des Autors hätte allerdings ein Verzicht auf ausgreifende Diskurse über die gesellschaftlich stabilisierende Rolle von Aids gutgetan.