Eine „Kleine Geschichte der Aufklärung“ auf 91 Taschenbuchseiten – ein kühnes Unterfangen! Wer das Metier des Historikers nicht, wie Roy Porter, auf englischen Colleges gelernt hat, der dürfte an dem Gelingen zweifeln. Dem in London lehrenden Sozial- und Medizinhistoriker ist das Kunststück gelungen, einen ebenso anregenden wie unterhaltsamen Überblick über die wichtigen Interpretationsfelder der Aufklärungsgeschichte zu geben. Dabei räumt Porter mit dem Vorurteil auf, wonach die philosophes des lumieres nur weltfremde Hohepriester eines Vernunftkults und altkluge Systemschmiede gewesen seien. Das Gegenteil sei richtig: Männer wie Condorcet, Bentham, Hume, Franklin, Herder waren zunächst einmal „Kritiker“, erste Vertreter einer säkularen Intelligenz, die fest im Leben standen und für bessere Gesetze in der Polis stritten. Das praktische Engagement dieser homines politici erklärt auch ihre unterschiedlichen Theorie-Interessen. Um die Macht von Adel und Klerus einzudämmen, mußten die französischen Aufklärer eine Stärkung der Exekutive einklagen. Ihre englischen Kollegen dagegen sahen im Marktmechanismus und der Initiative des einzelnen ein Antidot gegen den Leviathan. Das Ziel war ihnen das gleiche: die Sicherung von Gewissensfreiheit.

Ausgehend davon, daß es sich bei Aufklärung weniger um eine Philosophie als um eine neue Art des Fragens handelt, kann Roy Porter es sich leisten aufzufächern, statt zuzuspitzen. Er reist von den niederländischen Republikanern (den vergessenen Pionieren der Aufklärung) zu Diderots „guten Wilden“ auf Tahiti, skizziert die sozialgeschichtlichen Voraussetzungen für die Macht der Aufklärungs-Heroen und zeigt, wie schnell die Suche nach einer Wissenschaft vom Menschen in einem neuen Mythos enden kann: der „Religion der Menschlichkeit“.

Trotz allem bleibt das Hauptverdienst der lumieres, die Säkularisierung des europäischen Denkens eingeleitet zu haben: „Die Aufklärung trug dazu bei, den Menschen von seiner Vergangenheit zu befreien. Dabei vermochte sie nicht, zugleich dem zukünftigen Entstehen neuer Knechtschaft vorzubeugen. Wir sind immer noch damit befaßt, die Probleme der modernen, urbanen Industriegesellschaft zu lösen, deren Hebamme die Aufklärung war. Wir sind bis heute die Kinder der Aufklärung“ – so schließt das Büchlein von Roy Porter. Ein Appetitanreger für alle, die Spaß daran haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Alexander Smoltczyk

  • Roy Porter:

Kleine Geschichte der Aufklärung

Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen; Wagenbach Verlag, Berlin 1991; 112 S., 15,80 DM