Von Barbara Hahn

Alain Boureau scheint davon auszugehen, daß seine aus dem Französischen übersetzte Biographie des Ernst Kantorowicz einem deutschen Publikum nur unter Vorbehalten und mit genauen Lektürehinweisen zumutbar ist. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt der Autor, daß "der Blick des Nicht-Deutschen, wenn es um die Absichten und die Orientierungen des Menschen Kantorowicz geht, eine Distanz zu erlauben scheint", die uns offenbar fehlt. Und im Nachtrag beteuert der "wenig bekannte Mediävist" – so die Selbstcharakterisierung des Autors –, sein biographischer Essay sei in Frankreich von der Kritik "sehr wohlwollend" aufgenommen worden. Warum verheimlicht uns Boureau, daß es in Frankreich auch scharfe und sehr profunde Kritik an seinem Buch gab? Warum soll jeder Einwand, der hierzulande erhoben werden könnte, als deutsches Vorurteil gegenüber einer umstrittenen historischen Figur erscheinen?

Offenbar ist es im Falle des Ernst Kantorowicz besonders schwierig, Leben und Werk, eine Beschäftigung mit ihm und Parteinahme für oder gegen ihn voneinander zu trennen. In seinem Brief an den Kultusminister des Deutschen Reiches vom Frühjahr 1933 ging Kantorowicz selbst davon aus, daß sein politisches Engagement zusammen mit seiner theoretischen Arbeit eine Einheit bilde. Er sehe sich "als Jude gezwungen", seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Universität ruhen zu lassen, "obwohl ich als Kriegsfreiwilliger vom August 1914, als Frontsoldat während der Dauer des Krieges, als Nachkriegskämpfer gegen Polen, Spartakus und Räterepublik in Posen, Berlin und München eine Dienstentlassung wegen meiner jüdischen Abstammung nicht zu gewärtigen habe; obwohl ich auf Grund meiner Veröffentlichungen über den Stauferkönig Friedrich den Zweiten für meine Gesinnung gegenüber einem wieder national gerichteten Deutschland keines Ausweises von vorgestern, gestern und heute bedarf".

Obwohl sich Boureau durch diesen Text "in Unbehagen versetzt" fühlt, weil Kantorowicz sein Vokabular mit denen teile, die ihn ausschließen, wiederholt er in seinem Buch dieselbe Schreibhaltung: Leben und Werk werden als Aspekte ein und derselben Sache dargestellt; eines wird auf das andere abgebildet. Und das, obwohl Boureau an verschiedenen Stellen aufwendige Reflexionen über die Schwierigkeiten biographischen Schreibens anstellt: "Ich träume von der Biographie eines Mannes ohne Eigenschaften, eines Menschen, der seinen Weg im leeren, unbestimmten Raum sucht zwischen den Denkmälern, von der weiten Ebene Posens bis hin zu einem amerikanischen Campus." Um diesen Traum in ein Buch zu übertragen, habe er sich "bemüht, über den Begriff des biographischen Zusammenhangs und des Kontexts zu schreiben". Beide Verfahren stützen Boureaus hagiographischen Zugriff auf Kantorowicz, weil sie durchweg glättend und erklärend wirken, so daß sich am Ende alles zum verstehbaren Ganzen fügt.

Ernst Kantorowicz hat einer biographischen Rekonstruktion seines Lebens keinerlei Vorschub geleistet. "Persönliche" Dokumente sucht man in seinem Nachlaß vergebens. Kein Babyphoto auf dem Eisbärfell, kein Photo vom ersten Schulug, vom Soldaten oder Studenten. Keinerlei autobiographische Aufzeichnungen oder Briefe an Privatpersonen, statt dessen neben unveröffentlichten Manuskripten und Aufzeichnungen aus den dreißiger Jahren eine eigenartige Sammlung immer neuer Varianten von Curricula vitae, dieser standardisierten Form eines Lebenslaufs. Warum Boureau diesen Nachlaß im Leo-Baeck-Institut in New York nicht konsultiert hat, ist völlig unverständlich. Auch Teile von Kantorowicz’ umfangreicher Bibliothek sowie seine Sammlung von Sonderdrucken und Aufsätzen, die im Institute for Advanced Study in Princeton zugänglich sind, wären äußerst aufschlußreich gewesen.

Statt dessen beklagt der Autor, daß es so wenig Quellen gebe, und kompensiert den vermeintlichen Mangel damit, daß er die Bücher des Ernst Kantorowicz als autobiographische Bruchstücke liest. Reicht auch dies nicht, werden literarische Texte anderer Autoren dazugezogen. Aus Ernst von Salomons "Geächteten" von 1930 will Boureau "eine mögliche Interpretation von Kantorowicz’ Ortswechsel von München nach Heidelberg im August 1919 sowie auch für die Begegnung mit Stefan George" herauslesen; Figuren aus Leo Perutz’ Roman "St. Petri Schnee" von 1933, einer witzigen und ironischen Persiflage des Kults um den Stauferkönig Friedrich II., werden mit realen Personen identifiziert, die 1933 sterben wie "Malchin-George" oder neue theoretische Gegenstände entwerfen wie "Federico-Kantorowicz".

Schlimmer noch ist Boureaus Verfahren der Kontextbildung, denn hier wird alles allem ähnlich und vergleichbar. So erscheinen so unterschiedliche Personen wie Marc Bloch, Gershom Scholem und Aby Warburg als "Figuren des verfügbaren Möglichen für den Menschen Kantorowicz", als "Paradigma möglicher Lebensmuster". Vergleichsmaßstab ist dabei unter anderem, daß alle genannten Juden waren. Doch was ist damit gesagt? Gershom Scholem verließ Deutschland bewußt als Jude, lange bevor in der nationalsozialistischen Unrechtsgesetzgebung eine rassistische Definition des "Judeseins" festgeschrieben wurde. Scholem konnte eine Welt verlassen, in einer anderen ankommen und diesen Weg auch beschreiben: "Von Berlin nach Jerusalem". Kantorowicz war in diesem Sinne des Wortes kein "Jude". Sein Leben war nicht als Weg von Posen – ja wohin denn? – beschreibbar.