Die Jimmy Giuffre 3 und Paul Bley

Sollte sich jemand an Jimmy Guiffre erinnern? An die Anfangsszene des Films "Jazz an einem Sommerabend", einer Dokumentation des Newport Jazz Festivals von 1958? Der Multisaxophonist Jimmy Giuffre, verwoben mit Jim Hall und Bob Brookmeyer, umspielt mit "The Train And The River" die Segelschiffe, die vor Newport kreuzen. Es war die Art von unterkühltem Modern Jazz, die schon kurze Zeit danach von der Revolution des Free Jazz zum Revisionismus gestempelt wurde und im Aktenkeller verschwand. Nun, nach dreißig Jahren, Zeit für eine Rehabilitation.

Anlaß bietet die Wiederveröffentlichung von zwei Platten der Jimmy Giuffre 3: "Fusion" und "Thesis" von 1961 – diesmal auf einer Doppel-CD –, die schon in den sechziger Jahren schwer erhältlich waren. Man könnte diese Musik als Gegenbeweis für die Mär von der weißen Cool-Jazz-Anämie anführen, man könnte über Kammermusik-Jazz sprechen, man kann sie aber auch als musikalische Offenbarung hören. Jimmy Giuffre Klarinette, Paul Bley Piano und Steve Swallow Baß, mit einer Mischung aus musikalischer Intelligenz und impressionistischer Durchsichtigkeit, mit einer Ruhe, die nie verdämmert und einer Balance, die nie zum Kompromiß wird.

"Emotionen unerwünscht!" hing als Warnung an der Eingangstür zum Cool-Jazz-Keller, und auch diese Legende wird durch das Jimmy Giuffre Trio widerlegt. Ihre Abstraktion ist ohne Kälte, ihre Sinnlichkeit ohne Plumpheit, und sie scheuen auch nicht davor zurück, mit einem Walking-Baß ins Swingen zu verfallen, um gleich darauf sich schwebend wieder davon zu lösen. Und auch das gehört dazu: Eine Aufnahmetechnik, bei der das schnarrende Vibrieren der Baßsaiten ebenso zu hören ist wie die sich bewegenden Klappen der Klarinette. Ein Ein- und Ausatmen Jimmy Giuffres wird zu Musik, ein menschlicher Kontrapunkt zu einem Klang von reiner Schönheit. Und vor allem schaffen die Kompositionen Carla Bleys eine rhythmische und harmonische Offenheit, die förmlich dazu einlädt, sich frei zu bewegen, ohne das melodische Ziel aus den Augen zu verlieren.

Die Jimmy Giuffre 3 weist aber noch in andere Richtungen. Wie an einer Urzelle lassen sich die kompositorische Kraft Carla Bleys und das intelligente Baßspiel Steve Swallows studieren und – leider – mit ihren neuesten Veröffentlichungen vergleichen. Eine Gegenüberstellung, die der Pianist Paul Bley nicht zu fürchten braucht.

Vom schmalen, schnauzbärtigen Existenzialisten zum weißhaarigen Martin Walser gewandelt, improvisiert er heute mit der Kraft eines Cecil Taylors und der Sensibilität und Linearität eines Lennie Tristanos. In "Paul Bley 12 (+6) In A Row" erlebt der Gedanke und das Musikideal des Jimmy Giuffre Trios – diesmal mit Franz Koglmann am Flügelhorn und Hans Koch an den Saxophonen – seine atonale Wiedergeburt. Verziehen und vergessen seien Paul Bley manche geschmäcklerischen Mißgriffe der letzten Jahre, angesichts einer Musik, die, auf Reihen von Schönberg und Webern basierend, die starren, kalten Klippen der Atonalität mit rhythmischer Vertracktheit und gefühlvoller Intonation umspielt. Wen die erfreuliche Anerkennung und Popularität, die Cecil Taylor seit kurzem genießt, nicht für alle anderen Pianisten taub werden ließ, sollte diesem Paul Bley eine Chance geben. Die nächste Wiederentdeckung muß nicht erst in dreißig Jahren erfolgen.

Konrad Heidkamp

  • Jimmy Giuffre 3 "1961" ECM 1438/39 849 644-2
  • Paul Bley "12 (+6) In A Row" hatArt CD 6081 (Vertrieb Helikon)