Ankaras harte Linie treibt die Bevölkerung in die Arme der militanten PKK

Der Wind pfeift durch den Hof der Kaserne von Elazig und zerrt an den roten Fahnen, die auf sieben langen Tischen liegen. Davonfliegen können die Stofflicher nicht, auf ihnen liegen schwere Maschinengewehre. Hinter den Tischen stehen etwa 150 Männer verschiedenen Alters. Sie tragen weite Hosen, Schärpen, Fellmützen. Es sind angehende Dorfmilizionäre. Um sie auf den Kampf gegen die Partisanen von der kurcischen Arbeiterpartei, der PKK, einzuschwören, ist ein Herr im dunklen Zweireiher in die Provinzstadt am Euphrat gekommen – Ünal Erkan, vor wenigen Wochen von der Regierung in Ankara als Gouverneur von Kurdistan eingesetzt.

Es sind Kurden, die, wenn die staatstragenden Reden und die Blasmusik verklungen sind, den Eid auf die türkische Fahne leisten. Und mit den Maschinengewehren, die sie stolz entgegennehmen, sollen sie auf Kurden schießen. Denn unter den rivalisierenden Clans gibt es mehr als nur ein Kurdistan. Das Kurdistan von Tahir Adiyaman, dem Chef des Jirki-Stammes bei Hakkari, sieht türkisch aus: Er gilt als treuer Gefolgsmann der Regierung und stellt etliche der knapp 30 000 Dorfwächter.

Es sollen sogar 2000 Milizionäre aus dem Jirki-Stamm gewesen sein, bevor die PKK Ende 1990 verkündete, was sie „Amnestie“ nannte: Während des Jahres 1991 wolle sie keinen Milizionär töten. Wer bis zum Newroz-Fest 1992 sein Gewehr abgebe, könne mit einer „Begnadigung“ rechnen. 5000 Männer, so heißt es, hätten das Angebot genutzt. Deshalb ist die Rekrutierung und Vereidigung neuer Milizionäre in Elazig vom neuen Gouverneur als Demonstration der Stärke gemeint.

Zwei Tage später baumeln in der kurdischen Stadt Cizre zwei Dorfwächter an einem Stronmast. Den Leichen sind Geldscheine in den Mund gestopft worden. Die Botschaft wird verstanden: Milizionäre seien Kurden, die sich vom türkischen Staat kaufen ließen, um gegen Kurden zu kämpfen. Und: Die PKK ist zur halten Linie der Vergeltungsaktionen gegen kurdische „Verräter“ und ihre Angehörigen zurückgekehrt, jener blutigen Politik, die sie in der Vergangenheit zwar Popularität gekostet, die Zahl ihrer Feinde aber verringert hatte. Zugleich sind die Lynchmorde in Cizre offenbar der Auftakt zu einer neuen Phase jenes Kampfes, der seit August 1984 unter türkischen Polizisten und Soldaten, PKK-Guerilleros und vor allem Zivilisten mehr als 3000 Tote gefordert hat.

Die kurdische Arbeiterpartei ist die profilierteste jener Gruppierungen, die ein selbständiges Kurdistan anstreben. Die PKK entstand Ende der siebziger Jahre. Ihr Chef ist Abdullah Öcalan, der sich im PKK-Hauptquartier in der libanesischen Bekaa-Ebene versteckt hält. Seine Anhänger nennen Öcalan „Apo“ (Onkel), weil er zu den Parteigründern gehört. Die PKK operierte zunächst aus Syrien und dem Nordirak, wo sie Trainingslager unterhielt. Anfang der achtziger Jahren erkannte die türkische Regierung in ihr einen gefährlichen Gegner und reagierte auf Anschläge mit Massenverhaftungen und Folterungen. Die PKK strebt nach den Worten ihres Anführers Öcalan ein sozialistisches Kurdistan an. Dabei bleibt unklar, ob der Guerillero-Chef einen unabhängigen Staat meint. Gelegentlich spricht er von Autonomie. Die PKK versteht sich als marxistischleninistische Partei, gibt sich aber notfalls auch islamisch. Mal redet Öcalan von Waffenstillstand, mal davon, den Krieg in die Städte zu tragen. Seine neueste Äußerung lautet: Der Krieg sei nun entfesselt, auch er könne ihn nicht mehr stoppen – Feuer frei.

Ein Kurdistan à la PKK wäre gewiß kein Garant der Demokratie, und ob die Mehrheit der Kurden wirklich für eine Loslösung von der Türkei optierte, hätten sie die Wahl, ist ungewiß. Da die PKK verboten ist, kann sie nicht bei Wahlen kandidieren. Die Zustimmung der Kurden zur PKK-Politik läßt sich daher nicht messen. Partei-Vertreter sagen, sie hätten in einigen grenznahen Ortschaften wählen lassen, um sich zu legitimieren. Da nur in Orten gewählt werden kann, die unter PKK-Kontrolle stehen, ist es nicht überraschend, daß die Ergebnisse eine überwältigende Zustimmung zum Kurs Öcalans belegen.