Von Paul Michael Lützeler

Ein Mann wie Goethe, der in Jahrhunderten kaum einmal lebt, ist eine zu kostbare Akquisition, als daß man ihn nicht, um welchen Preis es auch sey, erkaufen sollte.“ Wer hier so angelegentlich den Markenartikel „Goethe“ seinem schwäbischen Landsmann, Freund und Verleger Johann Friedrich Cotta aus Tübingen anpries, wer hier den Kurswert des Weimarer Kollegen und Mitstreiters an der Buchhandelsbörse in die Höhe zu treiben suchte, war der in geistigen Belangen idealistisch argumentierende, in literaturpolitischen Dingen jedoch kühl berechnende Dichter Friedrich Schiller. Die Schläge, die er auf seiner Werbetrommel rührte, verhallten nicht ungehört: Der junge Verleger lauschte ihnen wie verzaubert, wünschte er sich doch nichts sehnlicher als die Reichtum und Ruhm verheißende „Akquisition“ des Autors von „Werthers Leiden“. Mit Namen wie Schiller und Goethe im Programm, so kalkulierte Cotta richtig, wären auch andere Größen aus Literatur und Philosophie für den Verlag zu gewinnen. Die Rechnung ging auf: Schiller leistet vorzügliche Vermittlerdienste, Goethe ließ sich – nach angemessener Hofierung durch den Verleger – auf den Kontrakt einer Werkausgabe ein, und Cotta wurde im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts der bedeutendste und wohlhabendste literarische Verleger im deutschen Sprachgebiet.

Seine steile Karriere verlief zeitgleich mit der Napoleons, und seine Zeitgenossen nannten ihn in einer Mischung aus Neid, Kritik und Anerkennung den „Napoleon des Buches“. Passender wäre wohl der Vergleich mit Metternich gewesen, denn auf so selbstmörderische und größenwahnsinnige Abenteuer wie der Korse ließ sich der vorsichtige Schwabe nicht ein. Wie der österreichische Erzkanzler war Cotta ein großer Diplomat, ein Mann mit dem Blick für das Opportune und einem guten Gespür für möglichst risikofreien Machtzuwachs. Anders als im Fall Napoleons fiel Cottas Erfolgskurve 1814/15 nicht steil ab, vielmehr erklomm sie in der Restaurationszeit neue Höhen. Cotta verdiente mit seinen Büchern, Journalen und Almanachen so viel Geld, daß er einen Mischkonzern mit Papierfabriken und Druckereien, mit Großgrundbesitz und Beteiligungen an zahlreichen Firmen unterschiedlicher Branchen (inklusive Ballon- und Dampfschiffahrt) aufbauen konnte. Zudem war Cotta ein aktiver Abgeordneter des Württembergischen Landtags, in dem er 1819 zum Vizepräsidenten der Zweiten Kammer gewählt wurde. Die Nobilitierung blieb nicht aus. Wenn er es auch keineswegs wie seine Zeitgenossen Napoleon und Metternich bis zum Imperator beziehungsweise Fürsten brachte, so durfte er seinen Briefkopf während der Metternich-Ära mit dem (erblichen) Titel eines Freiherren Cotta von Cottendorf schmücken.

Lebten wir noch im frühen 19. Jahrhundert, hieße der Chef des Suhrkamp Verlages längst Freiherr Unseld von Unseldsdorf. Im demokratischen Zeitalter hat er sich, was die Anerkennung von offiziell-staatlicher Seite betrifft, mit dem (nicht-erblichen) Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland begnügen müssen. Die Motivation zur Arbeit am Buch über Goethe und seine Verleger hatte sicher nicht nur mit der Verehrung für die klassische deutsche Dichtung, sondern auch mit der Affinität zu Cotta, mit der Bewunderung für dessen Lebenswerk zu tun. Nicht, daß er seinem berühmten Kollegen und Vorbild völlig unkritisch gegenüberstünde: die politischen Ambitionen Cottas sieht Unseld als dem Verlegergeschäft abträglich an, und von den Ausflügen in branchenfremde kommerzielle Bereiche hält er nicht viel. Das ist freilich vom Standpunkt unserer Zeit aus geurteilt, in der Arbeitsteilung, Spezialisierung und Ausdifferenzierung das Bild jeder Profession bestimmen. So wie Goethes „Lebenskunstwerk“ fachliche Einseitigkeiten ausschloß und Dichtung, Theaterleitung, ministeriale Arbeit und naturwissenschaftliche Studien umfaßte, so verstand auch Cotta sich in einem weiten Sinne als Unternehmer, bei dem der ererbte Verlag zwar im Mittelpunkt des Interesses stand, der es aber als Einschränkung empfunden hätte, nichts als Buchgeschäfte machen zu dürfen. Alles in allem nützten seine politischen Aktivitäten und die verstreuten Investitionen seinem Verlag sicher mehr, als sie ihm schadeten.

Ansonsten macht Unseld aus seinem Respekt vor dem schwäbischen Landsmann Cotta keinen Hehl. Suhrkamp wird oft als Verlag der „Klassiker der Moderne“ bezeichnet, und wenn Unseld seinem Kollegen das Kompliment macht, „der Verleger der ‚Klassiker der Moderne‘ jener Jahre“ gewesen zu sein, deutet er die Nähe an, die er zum „Napoleon des Buches“ empfindet. Sie wird auch spürbar, wenn es mit dem Ausdruck wahlverwandtschaftlicher Sympathie heißt: „Cotta haftete von Jugend etwas Entscheidungsfreudiges, etwas Bestimmtes, etwas Offizierhaftes an“; wenn er charakterisiert wird als „genauer Rechner und Kalkulator“, als „fleißig, betriebsam, dynamisch“. „Er liebte beides“, schreibt Unseld anerkennend, „Geist und Geld, er liebte die Ware Buch in ihrer Doppelheit: vom Autor als geistiges Produkt entworfen, vom Verleger (...) in Ware verwandelt und in der Hand des Lesers wieder zurückverwandelt in das geistige Gut.“ Als Positivum wird verbucht, daß Cotta „faire Honorare“ zahlte und damit angemessen reagierte auf das „Ende der Bescheidenheit“, das an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert einsetzte, als die Schriftsteller nicht nur frei sein, sondern für ihre Arbeiten auch gut bezahlt werden wollten.

Cotta war Goethes wichtigster Verleger: Er edierte nach zwei Goethe-Gesamtausgaben die „Ausgabe letzter Hand“, und er leitete die Edition „Goethe’s Nachgelaßene Werke“ ein, wovon er das Erscheinen des ersten Bandes noch erlebte. Goethe und Cotta starben im gleichen Jahr 1832. Ihre mehr als drei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit ist für die Rezeption der deutschen Klassik und für die Geschichte des deutschen Buchhandels von zentraler Bedeutung, und sie wird von Unseld – der sich hier auf die solide Edition des Goethe-Cotta-Briefwechsels von Dorothea Kuhn stützen konnte – eingängig, ja paxkend beschrieben. Trotz zahlreicher Verstimmungen, trotz (oder auch wegen) Goethes grundsätzlicher Vorsicht, Reserve, ja Abneigung gegenüber Verlegern, blieb es bei der produktiven Zusammenarbeit. „Die Buchhändler sind alle des Teufels“, äußerte der alte Goethe einmal gegenüber dem befreundeten Kanzler von Müller. Ihre schwerste Probe mußte die Kooperation zwischen Verleger und Autor bestehen, als Goethe den Plan seiner „Ausgabe letzter Hand“ verwirklichte. Wie auf einer Versteigerung bot er die Edition dem meistbietenden Verlag an. Cotta mußte sich auf einen für beide Partner unwürdigen Nervenkrieg einlassen. Goethe umschrieb seine Prämissen als Geschäftsmann 1825 so: „Geschäfte müssen abstract, nicht menschlich mit Neigung oder Abneigung (...) behandelt werden. (...) Laconisch, imperativ, prägnant.“ Mit der Bemerkung, daß „man immer wieder von Goethe lernen“ könne, kommentiert Unseld dieses Zitat. „Lakonisch, imperativ, prägnant“ ist das häufig zitierte Leitmotiv in Unselds Monographie: diese Goethesche Maxime hat er zu seiner eigenen gemacht. Schließlich gewann Cotta das Rennen im Wettstreit um die „Ausgabe letzter Hand“, aber er, der mit allen Wassern des Verlagsgeschäfts gewaschen war, hatte größte Mühe, eigene Vorstellungen zumindest partiell gegenüber den alles andere als bescheidenen Forderungen Goethes durchsetzen zu können. Wie fast immer bediente Goethe sich bei Verlagsverhandlungen eines Mittelsmannes. In solcher Rolle bewährte sich diesmal der mit Goethe befreundete Kölner Kunstsammler Sulpiz Boisseree.

Von den ersten Publikationsversuchen Goethes bis zur „Ausgabe letzter Hand“ war es ein weiter Weg. Am Anfang stand die Absage. Für sein Frühwerk „Die Mitschuldigen“ suchte der junge Autor 1769 vergebens einen Verleger. Weniger glänzend als der schließliche Erfolg des „Götz“ war dessen Erstveröffentlichung: das Drama erschien 1773 in ein paar hundert Exemplaren im Selbstverlag. Mit Sammeleditionen von Goethes Werken war zu dessen Lebzeiten das große Geld nicht zu machen. Das mußte Göschen schmerzlich erfahren, der die erste Gesamtausgabe veröffentlichte. Mehr Glück hatten die Verleger mit ein paar Einzelpublikationen: Weygand mit dem „Werther“ (einem der größten Erfolge der Buchhandelsgeschichte), Unger mit dem „Wilhelm Meister“ und Vieweg mit „Hermann und Dorothea“. Die erste Gesamtausgabe bei Göschen dagegen war ein ausgesprochener Reinfall: Nur 692 Subskribenten fanden sich dafür. Selbstverständlich lastete der selbstbewußte Dichter das Fiasko dem Verleger an, und so brauchte es für den Wechsel zu Cotta nur des Anstoßes und der Vermittlung Schillers.