Bücher mit einem attraktiven Titel haben große Chancen, gelesen zu werden. Leser neugierig machen wollte gewiß auch der Rowohlt Verlag, als er das Buch des amerikanischen Arztes Leonhard A. Sagan mit dem Titel „Die Gesundheit der Nationen“ versah. Der Untertitel verspricht sogar Aufklärung über „Die eigentlichen Ursachen von Gesundheit und Krankheit im Weltvergleich“. Fürwahr ein umfassendes Programm.

Doch die erhoffte Aufklärung, warum beispielsweise manche „Erkrankungen“ in Deutschland häufiger sind als in der Heimat des Autors, findet nicht statt. Wir würden gerne wissen, warum beispielsweise tiefer Blutdruck bei uns Krankheitswert hat und behandelt wird, während englische und amerikanische Ärzte entsprechende „Beschwerden“ mit mitleidigem Lächeln als German disease („Deutsche Krankheit“) abtun. Warum sind Franzosen und Brasilianer so fixiert auf ihre Leberspezialisten und Amerikaner auf ihren Psychoanalytiker, der alle gleich auf seine Couch legt? Antworten oder zumindest Erklärungsansätze für diese Fragen fehlen in dem Buch mit dem irreführenden Titel leider vollständig.

Statt dessen wird der willige Leser mit einer Unzahl banaler Feststellungen konfrontiert. Außerdem ist manches in diesem Buch wegen der offensichtlichen Begeisterung des Autors für allerlei dubiose Statistiken schlicht falsch. Ein Beispiel: Sagan behauptet, daß die Säuglingssterblichkeit mit der Zahl praktizierender Ärzte korreliere – je höher die Arztdichte, desto größer die Sterberate. Träfe dies zu, dann müßten in Regionen mit wenig Ärzten, beispielsweise in Afrika, Asien oder Lateinamerika, weniger Kinder sterben als in Europa. Jeder weiß, daß dies nicht stimmt. Deutschland gehört mit einer (zu) hohen Arztdichte zu den Ländern mit der weltweit geringsten Neugeborenensterblichkeit.

Die im Vergleich zu den Vereinigten Staaten viel besseren deutschen Ergebnisse in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit beruhen wesentlich auf unserem leistungsfähigeren Gesundheitssystem. In den USA gibt es beispielsweise keine staatlich organisierte Vorsorge für werdende Mütter. Unter anderem deshalb müssen in amerikanischen Hospitälern oft in letzter Minute lebensbedrohende Schwangerschaftserkrankungen behandelt werden, die bei uns fast völlig verschwunden sind.

Kein Mensch wird bestreiten, daß soziales und wirtschaftliches Umfeld viele Krankheiten und deren Verlauf beeinflussen können. Seelisch robuste Wissenschaftler leben nach der Beobachtung Sagans in den Vereinigten Staaten länger als streßgeplagte Journalisten. Doch läßt sich daraus der Schluß ziehen, daß Kreativität, persönliche Entfaltung und Erfüllung zur Überlebensfähigkeit entscheidend beitragen? Sind also vorzeitig Verstorbene allesamt unkreative, unerfüllte Dummköpfe gewesen?

Wer das Buch mit dem pompösen Titel liest, wird nicht schlauer. Zum Glück muß er deswegen auch keine Sekunde früher sterben.

Hans Harald Bräutigam