Mit einer zunehmenden Zahl von Gütesiegeln umwerben die Urlaubsorte den umweltbewußten Urlauber. Die Seriosität ist nicht immer gewährleistet.

An vielen Nord- und Ostseestränden bleibt die blaue Europaflagge in diesem Sommer eingerollt. Über Wasseranalysen und ihre Ergebnisse informieren in Schleswig-Holstein statt dessen kleine Tafeln der Kurverwaltungen. Wegen mangelnder ökologischer Glaubwürdigkeit hatte Landesumweltminister Berndt Heydemann dem Euro-Signet für „umweltorientierte Urlaubsorte und Sportboothäfen“ schon im vergangenen Jahr seine finanzielle Unterstützung entzogen.

Während die Initiatoren der Blauen Flagge derzeit versuchen, mit verschärften Vergabekriterien und Kontrollen ihr Zeichen in Deutschland wieder hoffähig zu machen, packt ein buntes Bündnis von Umweltschutzverbänden, Wandervereinen und alternativen Verkehrsclubs jetzt den Grünen Koffer aus. Um Naturfreunden einen Urlaubsgenuß ohne Reue zu ermöglichen, wurde im vergangenen Jahr der Verein Ökologischer Tourismus in Europa (ÖTE) gegründet. Zur Vergabe seines Signets hat der Verein ökologische Prüfkriterien für Fremdenverkehrsorte, Hotels und Reiseveranstalter entwickelt, um damit die Tourismusprofis zu größerem Umweltschutz zu animieren.

Gefordert werden von Ferienorten ein Anschluß an die Schiene, autofreie Fuß- und Radwegverbindungen, ein ökologisches Fremdenverkehrskonzept sowie eine örtliche Umweltberatung für das Gastgewerbe. Der Bau von Zweitwohnungen muß demnach beschränkt und die Umweltverträglichkeit von Infrastruktur, Industrie- und Gewerbeansiedlungen geprüft sein. Verboten sind lautstarke Freizeitvergnügen wie Motorsport und Rundflüge.

Mit dem Grünen Koffer ausgezeichnete Pensionsbetreiber sparen Energie und Wasser, trennen Müll und haben mindestens ein Vollkorngericht im Speiseplan. Am grünen Signet interessierte Reiseveranstalter sollen gar auf Flugreisen verzichten, weil diese, so meinen die Initiatoren, zur Klimakatastrophe beitragen.

Nachdem der Deutsche Reisebüroverband bei so viel ganzheitlichem Anspruch abgewinkt hat, gibt man sich beim ÖTE kompromißbereit. Den Grünen Koffer sollen nun auch solche Reiseveranstalter vorzeigen können, die mindestens zu zwanzig Prozent Alternativen zum Urlaubsflug anbieten. Um den Katalog grüner Wunschvorstellungen in den Urlaubsorten zu überprüfen, soll nach Vorstellungen des ÖTE in den nächsten Jahren ein ganzes Heer von Kontrolleuren ausschwärmen: Mitglieder von Umweltschutzorganisationen, Planungsbüros und Studenten von Hochschulen mit touristischen Fachbereichen.

Der Grüne Koffer genießt inzwischen das Wohlwollen des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes, des Reiseveranstalters TUI und des Umweltbundesamtes. Doch Aussicht auf offizielle Anerkennung ist nicht in Sicht, obwohl die Initiatoren erste Urlaubsorte noch in diesem Jahr prämieren möchten.