Kurz bevor Columbo alias Peter Falk den Raum verläßt, wird es spannend. Eine kurze Drehung vor der Tür, die Hand fährt – von sich selbst überrascht – zur Stirn, er hatte es doch glatt vergessen. Nur noch eine letzte, lästige Frage – die entscheidende! Nach sieben Büchern über Christoph Columbus – bleiben wir als Hommage an Peter Falk beim „C“ – hat man den Trick erfaßt. Beinahe hätte man’s am Ende übersehen – die Frage nach den Folgen der Entdeckung. Das war’s.

Die unfreiwillig eleganteste Auflösung des Problems gelingt Wilfried Schröder in seinem Bilderbuch mit dem klassischen Titel „Columbus hin, Columbus her – Amerika liegt hinterm Meer!“ Eine schlichte Feststellung: „In einer feierlichen Zeremonie nahm Columbus das neuentdeckte Land für seine spanischen Könige in Besitz (obwohl es ja eigentlich den Indianern gehörte. Doch das ist eine andere Geschichte...)“, und schon kann man sich wieder auf den Esel, den Pelikan und Delphin konzentrieren, die „Ahoi-Amerika!-Bande“, die Columbus half – von der Geschichtsschreibung bisher unbeachtet –, Amerika zu entdecken.

Man darf das Bilderbuch aber auch ebenso schnell vergessen, wie Barry Smith’ „Die erste Fahrt des Christoph Kolumbus 1492“, das hier nur aufgrund seines mißmutigen Charmes erwähnt werden soll. Berichtet wird aus der Perspektive eines arbeitslosen Jugendlichen, der eigentlich nur „einen Job wollte“. Arbeitsplatzprobleme der Seeleute anstelle der Entdeckereuphorie der Höfe – ein sozialgeschichtlich sympathischer Ansatz, der auch Columbus erfaßt, so daß er angesichts der ersehnten Küste nur bemerkt: „Schön, wir sind da.“ Verständlich, daß auch hier die Ureinwohner nur als Statisterie fungieren. Die in La Navidad zurückgelassenen Seemänner jedenfalls fühlen sich wohl: „Hier läßt sich’s leben. Lieber hier bleiben als zu Hause hungern.“

Mit historisch-kritischen Kanonen auf Bilderbuchspatzen zu schießen, erscheint zwar wenig ergiebig, zu fragen bleibt, ob die Kluft zwischen „erwachsenem“ Wissen und kindlicher Neugier wirklich so tief sein muß. Oder direkter: Wie dumm müssen Kinder bleiben? Als „reich bebildertes Sachbuch für junge Leser“ bezeichnet der Tessloff Verlag seinen „Christoph Kolumbus“ der Historikerin und Lehrerin Martine Sassier innerhalb der Reihe „Welt in der Tasche“. Man mag der Verfasserin zwar einen gewissen Grad an Vereinfachung zugestehen, ihre Mischung aus Naivität und Blindheit erweist sich – um es höflich zu sagen – als gefährlich. Da wird ein Abschnitt über die beginnende Sklaverei mit „Ein nicht ganz anständiger Handel“ überschrieben, die Seeleute sind – wie anders? – „begeistert von ihrem Kapitän“, und auch das spanische Königspaar freut sich, als Columbus zurückkehrt, „begleitet von den sechs mitgebrachten (!) Indianern in ihren bunten Kleidern“. Später läßt sich jedoch bei den Indianern zwischen Gut und Böse unterscheiden, und man muß zitieren, da Ironie hier an ihre Grenzen stößt: „Die Guten ... erweisen sich als äußerst friedlich ... Kolumbus schließt sie in sein Herz.“ Und weiter: „Von nun an unterscheidet Kolumbus zwischen guten und bösen Indianern. Die bösen müssen bestraft werden.“ Siebzig Millionen „böse“ Ureinwohner sind letztendlich an den Folgen der Entdeckung gestorben, und Martine Sassier bedauert Columbus: keine Gewürze, kaum Perlen, kaum Gold. Armer Columbus.

„Delphin steht am Sandstrand von Guanahani und schaut übers Wasser.“ Rainer Brand wählt in seinem kleinen Sachbuch über die Entdeckung Amerikas den Blick von der anderen Küste. Gut gemeint, anschaulich, aber oft reichlich harmlos erzählt er, und so ist es vorwiegend die Sachdarstellung im zweiten Teil des Büchleins, die beweist, daß man sich auch auf wenige Seiten beschränken kann, ohne zu verfälschen, ohne die offenen Fragen in der imperialistischen Tasche verschwinden zu lassen.

Auch Richard Humble bemüht sich in seinem Buch „Die Reisen des Kolumbus“ um einen Ausgleich zwischen den dramatischen und zweifelsohne phantasiebewegenden Entdeckungsreisen des Columbus und der Darstellung des Beginns eines in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Völkermordes. Die wirtschaftlichen Interessen Europas werden ebenso übersichtlich und klar beschrieben wie die naturwissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen – mit den unvermeidlichen Lücken und den vermeidbaren Verharmlosungen. Vielleicht zeigt sich gerade an Humbles illustriertem Sachbuch das Grundübel der Columbus-Bücher. Jede Seite über Columbus verschweigt tausend Seiten über die Ureinwohner, jede Psychologisierung, die dem seefahrenden Spekulanten gerecht zu werden versucht, verhöhnt die Stämme, die kollektiv – und sprachlich hilflos – „zugrunde gingen“. Und da mag vieles noch so gut gemeint sein, angesichts des weißergrauten Entdeckers verschwimmen die bronzefarbenen Indianer unauflöslich mit der farbenfrohen Dekoration der Wildnis. Schrift und Bild als wichtigste Verbündete der Kolonisatoren. Es verwundert kaum, daß zu der Feststellung, die zurückgelassenen Spanier hätten „die Eingeborenen unterdrückt und ausgebeutet“ und seien „daraufhin alle getötet worden“, sich eben auch heute noch nicht die Qualen der Indianer, sondern die knochigen Überreste der Spanier gemalt finden.

Um so mehr überrascht deshalb das Konzept, das sich hinter dem leicht irreführenden Titel „Kolumbus 1492“ von Heinrich Pleticha und Piero Ventura versteckt. Der Großteil des Buches ist nämlich – zu gleichen Teilen – der politischen, sozialen und kulturellen Geschichte der Alten und Neuen Welt gewidmet. Ein zeitlicher Schnitt durch das Jahr 1492, der von Lübeck über London bis Lissabon, von den Tainos über die Maja zu den Inka reicht. Eingebettet dazwischen die Reisen des Columbus, deren marginales Gewicht sich noch zusätzlich durch die Überfülle der dargestellten Kulturen erweist. Schön auch die vergleichenden Landkarten 1492/1992, die jedes Kapitel begleiten, und die feinziselierten Wimmelbildchen Piero Venturas mit dem Reiz einer distanzierten Spielzeuglandschaft. Doch Bild um Bild, Text um Text wird das Erzählenswerte immer beliebiger. Der Liberalismus eines betulichen, vermeintlich kindgemäß plaudernden Geschichtslehrers, der ameisengleich Wissenshäppchen heranschleppt, bis der arme Schüler sanft entschlummert. Die Welt als Faller-Modelleisenbahn. Alles ist schön, überall gibt’s Probleme, und zum „Abschluß unserer langen Reise durch die neue Welt schnuppern wir noch einmal...“